Geliehener Mut

GELIEHENER MUT

Eine Herzensgeschichte

Donnerstags saß Heinrich auf der Bank vor dem Supermarkt. Immer donnerstags. Immer gegen halb elf.

Er war zweiundachtzig, Tischlermeister im Ruhestand, seit sechs Jahren Witwer. Seine Frau hatte gesagt, er sei der einzige Mensch, der selbst beim Nichtstun einen Zeitplan brauche. Sie hatte recht gehabt.

Dienstags war es ihm im Laden zu voll, freitags noch voller, und montags waren die Regale angeblich leer. Das behauptete er jedenfalls. In Wahrheit stand donnerstags die junge Frau an der Käsetheke. Sie begrüßte ihn mit Namen.

„Na, Herr Petersen? Wieder hundert Gramm Gouda?“

„Hundertfünfzig. Ich bekomme Besuch.“

„Ach, wie schön!“

„Ja. Von meinem Hunger.“

Sie lachte jedes Mal. Er mochte Menschen, die noch lachen konnten.

Nach dem Einkauf setzte er sich auf die Bank neben dem Eingang und stellte die Tasche zwischen die Füße. Früher hatte er die Bank nicht gebraucht. Früher hatte er Dachstühle gezimmert, Eichentüren eingehängt und Balken getragen, für die heute ein Kran kam. Jetzt musste er sich nach zwei Tüten ausruhen. Das ärgerte ihn. Er behielt den Ärger für sich. Meistens.

An diesem Donnerstag war die Bank besetzt. Am äußersten Ende saß ein kleines Mädchen. Neben ihm lag ein Schulranzen, fast so groß wie sie selbst.

„Ist hier noch frei?“

Das Mädchen nickte.

Er setzte sich, stellte die Tasche ab und atmete aus. Ihre Augen waren rot. Sie zog die Nase hoch. Er fragte nicht. Man wollte nicht immer gefragt werden, warum man traurig war. Das wusste er.

Nach einer Weile sagte sie: „Ich bin feige.“

„Ach.“

„Ja.“

„Wie kommst du darauf?“

„Weil ich feige bin.“

„Ein überzeugendes Argument.“

Sie musterte ihn. Sie war nicht sicher, ob er sie auf den Arm nahm.

„Ich meine das ernst.“

„Ich auch.“

„Ich heiße Emma.“

„Heinrich.“

Dann erzählte sie. In ihrer Klasse war ein Mädchen namens Amira, seit wenigen Wochen erst da. Sie sprach noch nicht gut Deutsch und stolperte beim Vorlesen. Einige Kinder machten sich darüber lustig. Heute Morgen hatten sie Amira auf dem Schulhof eingekreist. Einer nahm ihren Ranzen, ein anderer äffte ihre Aussprache nach. Und Emma hatte danebengestanden. Nur danebengestanden.

„Ich wollte etwas sagen“, flüsterte sie. „Aber ich hatte Angst.“

Heinrich sah auf seine Hände. Große Hände, krumme Finger, Altersflecken, eine Narbe quer über dem linken Daumen.

„Angst ist eine lästige Angelegenheit.“

Emma nickte heftig. „Hattest du auch mal Angst?“

Er lachte. „Kind, ich hatte vor so vielen Dingen Angst, ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen soll.“

„Aber du bist doch alt.“

„Das ist mir auch schon aufgefallen.“

„Ich dachte, wenn man alt ist, hat man keine Angst mehr.“

„Schön wär’s.“

Er lehnte sich zurück.

„Als ich Lehrling war, gab es bei uns einen Jungen. Walter.“

Walter war schmächtig gewesen und ungeschickt mit den Händen. Der Meister schrie ihn ständig an. Eines Tages zerbrach in der Werkstatt eine teure Glasscheibe. Niemand wusste, wie. Der Meister beschuldigte Walter.

„Der Junge hat geheult“, sagte Heinrich. „Mitten in der Werkstatt, vor allen.“

„War er schuld?“

„Nein.“

„Woher weißt du das?“

Er sah sie an. „Ich hatte die Scheibe kaputt gemacht.“

Emma riss die Augen auf. „Und du hast nichts gesagt?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Ich hatte Angst. Vor dem Meister. Dass ich die Lehrstelle verliere.“

„Das war gemein.“

„Ja.“

Walter ging wenige Monate später. Heinrich sah ihn nie wieder.

„Hast du dich wenigstens entschuldigt?“

Er schüttelte den Kopf.

„Das ist schade.“

„Ja. Finde ich auch.“

Emma sah auf ihre Schuhe. „Bist du danach mutiger geworden?“

Er überlegte. „Nicht gleich. Aber irgendwann habe ich versucht, beim nächsten Mal den Mund aufzumachen.“

„Hat das geklappt?“

„Manchmal.“

„Nur manchmal?“

„Ich bin kein Held.“

Sie schwieg eine Weile. Dann fragte sie: „Was ist eigentlich Mut?“

Heinrich sah über den Parkplatz. Eine junge Mutter wuchtete ein schreiendes Kleinkind in den Autositz. Ein Mann schob einen Einkaufswagen mit quietschendem Rad. Irgendwo bellte ein Hund.

„Vielleicht ist Mut, wenn man etwas tut, obwohl man Angst hat.“

Emma dachte nach. „Dann kann man Angst haben und trotzdem mutig sein?“

„Ich glaube schon.“

„Komisch. Ich dachte, mutige Menschen haben keine Angst.“

„Das wäre ja einfach.“

Sie zog die Beine auf die Bank. Dann stellte sie eine Frage, über die Heinrich noch lange nachdenken sollte.

„Kann man Mut verschenken?“

„Wie meinst du das?“

„Wenn einer ganz viel hat und ein anderer ganz wenig. Kann der mit dem vielen dem anderen nichts abgeben?“

Er kratzte sich am Kinn. „Verschenken weiß ich nicht. Aber leihen vielleicht.“

„Wie ein Buch?“

„So ähnlich.“

„Muss man ihn zurückgeben?“

Er grinste. „Das kommt darauf an, wie dringend der andere ihn braucht.“

Emma lachte zum ersten Mal. Sie hatte ein schönes Lachen. Das fiel ihm erst jetzt auf.

* * *

Von da an trafen sie sich oft. Emma kam auf dem Heimweg am Supermarkt vorbei und setzte sich mal fünf Minuten neben ihn, mal länger. Er erfuhr, dass sie sieben war, in die zweite Klasse ging und Mathematik hasste. Sie erfuhr, dass er einmal ein ganzes Haus gebaut hatte, einen Hund namens Bruno besessen hatte und nicht verstand, warum moderne Kühlschränke piepten, wenn die Tür zu lange offen stand.

„Früher hat ein Kühlschrank gekühlt“, sagte er. „Heute hält er Vorträge.“

Sie brachte ihm Dinge mit. Ein Bonbon. Einen schönen Stein. Einmal einen Regenwurm in einer Brotdose.

„Der heißt Herbert.“

„Woher weißt du das?“

„Ich habe ihn so genannt.“

„Ach so. Natürlich. Dann richte ihm schöne Grüße aus.“

„Du bist ein bisschen komisch.“

„Das sagt meine Nachbarin auch.“

„Warum?“

„Ich stelle ihre Mülltonne manchmal auf die falsche Seite.“

„Extra?“

Er antwortete nicht. Aber er lächelte.

Eines Donnerstags kam sie nicht allein. Neben ihr ging ein dunkelhaariges Mädchen, das sich halb hinter ihr hielt.

„Das ist Amira.“

Heinrich stand auf. Langsam, die Knie wollten nicht mehr wie früher. „Guten Tag, Amira.“

Amira lächelte vorsichtig.

„Wir sind jetzt Freundinnen“, sagte Emma. „Und weißt du was? Als die anderen wieder angefangen haben, habe ich gesagt, sie sollen aufhören.“

„Und?“

„Sie haben mich ausgelacht.“

„Was hast du gemacht?“

Emma zuckte die Schultern. „Ich habe Amira genommen, und wir sind weggegangen. Später haben wir es der Lehrerin erzählt.“

„Das klingt vernünftig.“

Sie beugte sich vor. „Ich hatte trotzdem Angst.“

„Das glaube ich dir.“

„War ich dann mutig?“

„Ja, Emma. Das warst du.“

Sie flüsterte. „Ich habe mir ein bisschen Mut von dir geliehen.“

Heinrich musste schlucken. Er räusperte sich. „Dann pass gut darauf auf.“

* * *

Der Winter kam früh. Heinrich ging seltener einkaufen. Die Beine machten nicht mehr mit, und manchmal wurde ihm schwindelig, wenn er zu schnell aufstand. Einmal stürzte er in der Küche und lag fast eine Stunde auf den Fliesen, bevor er sich am Tischbein hochziehen konnte. Seine Tochter kam am nächsten Tag.

„Papa, so geht das nicht weiter.“

„Was geht nicht weiter?“

„Dass du allein wohnst.“

„Das tue ich seit sechs Jahren.“

„Ja. Und es wird nicht leichter.“

Er schwieg. Sie hatte recht. Das machte es nicht angenehmer.

Sie hatte sich ein Pflegeheim angesehen. Ein schönes Haus, sagte sie, mit Garten und freundlichen Leuten und einem großen Gemeinschaftsraum. Heinrich fiel nichts Schlimmeres ein als ein großer Gemeinschaftsraum. Er hatte sein Leben lang gearbeitet, ein Haus gebaut, Kinder großgezogen und Rechnungen bezahlt, und nach dem Tod seiner Frau hatte er sich mühsam ans Alleinsein gewöhnt. Jetzt sollte er die Werkstatt verlassen, den Garten, den Apfelbaum, den sie zusammen gepflanzt hatten, und die Treppe, die an der dritten Stufe knarrte, wenn man nachts zum Fenster ging.

„Wovor hast du eigentlich Angst?“, fragte die Tochter.

„Ich habe keine Angst.“

Es war gelogen. Beide wussten es.

* * *

An einem Donnerstag im Januar blieb die Bank vor dem Supermarkt leer. Am nächsten auch. Und am übernächsten.

Emma fragte die Frau an der Käsetheke nach Herrn Petersen.

„Er ist wieder gestürzt. Er liegt im Krankenhaus.“

Emma erschrak. „Ist er sehr krank?“

„Nein, mein Schatz. Aber er ist alt. Alte Leute brauchen manchmal mehr Hilfe.“

Emma dachte lange nach. Dann fragte sie ihre Mutter, ob sie ihn besuchen dürfe.

Einige Tage später standen sie vor seinem Zimmer. Heinrich saß im Bett, im hellblauen Schlafanzug, ein Pflaster an der Stirn, und sah ausgesprochen unzufrieden aus.

„Na, wen haben wir denn da?“

„Du siehst komisch aus.“

„Danke. Das baut mich auf.“

„Warum hast du so einen Schlafanzug an?“

„Weil sie hier etwas dagegen haben, wenn ich im Anzug schlafe.“

Emma kicherte. Dann setzte sie sich auf den Besucherstuhl. „Kommst du wieder auf unsere Bank?“

Er sah zum Fenster. „Ich weiß nicht.“

„Hast du Angst?“

Er wollte schon Nein sagen. Was für eine Frage. Er war zweiundachtzig. Er hatte ein Haus gebaut, eine Familie ernährt, seine Frau bis zuletzt begleitet. Er hatte keine Angst vor einem Pflegeheim.

Dann sah er Emma an. Er dachte an einen Jungen namens Walter, der in einer Werkstatt geweint hatte. An sein eigenes Schweigen. An das, was er ihr auf der Bank erzählt hatte.

„Ja“, sagte er.

„Wovor?“

„Vor fremden Menschen. Vor einem fremden Zimmer. Davor, dass ich morgens aufwache und nicht weiß, wo ich bin.“ Er schluckte. „Und davor, dass ich nicht mehr selbst entscheiden kann, wann ich aufstehe.“

„Das kann ich verstehen. Als ich in die Schule kam, kannte ich niemanden.“

„Und was hast du gemacht?“

„Ich bin trotzdem hingegangen.“

Er sah sie an. Dann lachten beide.

* * *

Eine Woche später zog er ins Heim. Die Tochter hatte sich Mühe gegeben. Sie hatte Bilder aufgehängt, den Lieblingssessel gestellt, das alte Radio auf die Fensterbank, das Foto seiner Frau auf den Tisch. Heinrich sah sich um. Hell. Sauber. Freundlich. Nicht sein Zuhause.

Als die Tochter gegangen war, blieb er im Sessel sitzen. Auf dem Flur klapperte Geschirr, eine Frau lachte laut, jemand rief nach der Schwester. Er schloss die Augen und lauschte nach den Geräuschen seines Hauses. Dem Ticken der Wanduhr. Der Treppe. Dem Wind im Apfelbaum. Nichts davon kam.

Am Morgen wollte er nicht zum Frühstück.

„Ich habe keinen Hunger“, sagte er zur Pflegerin.

„Das haben Sie gestern Abend auch gesagt.“

„Sehen Sie, wie konsequent ich bin.“

Sie lachte. Er nicht.

* * *

Am Samstag darauf stand Emma in der Tür, ihre Mutter hinter ihr. In der Hand hielt sie einen kleinen roten Umschlag.

„Hallo, Heinrich.“

Er richtete sich im Sessel auf. „Das ist ja eine Überraschung.“

Emma sah sich um. „Ist doch ganz schön hier.“

„Wenn man Krankenhäuser mag.“

„Das ist kein Krankenhaus.“

„Die Betten sehen verdächtig ähnlich aus.“

„Warst du schon im Garten?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Keine Lust.“

„Du hast Angst.“

Er seufzte. „Du bist ein anstrengendes Kind.“

„Das sagt Mama auch.“ Sie grinste und hielt ihm den Umschlag hin.

Auf der Vorderseite stand in großen, krummen Buchstaben FÜR HEINRICH. Darunter hatte sie ein Herz gemalt. Er setzte die Brille auf und las.

Lieber Heinrich,

du hast mir Mut geliehen, als ich welchen brauchte.

Jetzt brauchst du welchen.

Deshalb leihe ich dir meinen.

Du darfst ihn behalten, bis du keinen mehr brauchst.

Deine Emma

P.S. Du musst ihn nicht zurückgeben. Ich habe jetzt selber genug.

Er las es zweimal. Dann nahm er die Brille ab und sah aus dem Fenster. Draußen bewegten sich die kahlen Äste im Wind.

„Und?“, fragte Emma.

Er räusperte sich. „Ein großzügiges Angebot.“

„Ja.“

„Und was soll ich damit machen?“

Sie sah ihn verständnislos an. „Benutzen natürlich.“

„Ach so.“

„Du könntest in den Garten gehen.“

„Heute?“

„Warum nicht?“

Er sah auf die Hausschuhe, auf den Rollator, auf Emma.

„Na gut. Aber nur, wenn du mitkommst.“

* * *

Unter der großen Linde stand eine Bank. Heinrich setzte sich vorsichtig, Emma neben ihn. Es war ein kalter Februartag, aber die Sonne schien. Zwei Amseln suchten im Rasen.

„Glaubst du, eine heißt Herbert?“

„Herbert war ein Regenwurm.“

„Vielleicht heißt eine Amsel auch so.“

„Möglich wäre es.“

Heinrich sah den Vögeln zu. „Du hattest recht, Emma.“

„Womit?“

„Mit dem Mut. Man kann ihn sich leihen.“

„Hab ich doch gesagt.“

Eine alte Dame kam mit ihrem Rollator den Weg entlang und blieb vor der Bank stehen.

„Guten Tag. Sie sind der neue Herr Petersen.“

„Ja.“

„Martens. Ich sitze sonst immer hier. Aber es ist ja Platz genug.“

Heinrich rückte zur Seite. „Setzen Sie sich.“

Emma sah die beiden an. Dann stand sie auf. „Ich muss los. Mama wartet.“

Sie umarmte ihn kurz. „Bis bald, Heinrich.“

„Bis bald, Emma.“

Frau Martens sah ihr nach. „Ihre Enkelin?“

„Nein.“ Er überlegte. „Eine Freundin.“

„Eine ziemlich junge.“

„Ja. Aber eine sehr kluge.“

* * *

Im Frühling blühten im Garten die Krokusse. Heinrich hatte sich eingelebt. Nicht ganz. Manchmal fehlte ihm sein Haus so sehr, dass es wehtat. Aber er wusste jetzt, dass Frau Martens leidenschaftlich gern Karten spielte, dass der Koch ausgezeichnete Bratkartoffeln machte und dass im Gemeinschaftsraum ein alter Herr saß, der früher ebenfalls Tischler gewesen war. Mit dem stritt er regelmäßig, ob eine ordentliche Holzverbindung besser mit Zapfen oder mit Dübeln gelang. Die Pflegerinnen sagten, die beiden seien schlimmer als Schuljungen. Heinrich fand das übertrieben.

An einem Nachmittag setzte sich eine junge Pflegerin zu ihm auf die Bank unter der Linde. „Na, Herr Petersen, Sonne genießen?“

„Solange sie kostenlos ist.“

Sie lachte. Dann sah sie den roten Umschlag in seiner Hand. Er war zerknittert. Heinrich fuhr mit dem Daumen über das gemalte Herz.

„Was haben Sie da?“

„Geliehenen Mut.“

„Geliehenen Mut?“

„Von einem kleinen Mädchen. Sie hat mir etwas abgegeben, als ich selbst nicht mehr genug hatte.“

„Und? Hat es geholfen?“

Er sah über den Garten. Auf die Bäume, die Krokusse, die Menschen, die langsam über die Wege gingen. Er dachte an seine Frau, an das alte Haus, an die Bank vor dem Supermarkt und an ein Mädchen mit einem viel zu großen Schulranzen.

„Ja“, sagte er leise. „Sehr.“

Er steckte den Umschlag in die Jackentasche, griff nach dem Rollator und stand auf.

„So. Ich bin mit Frau Martens zum Kartenspielen verabredet.“

Nach ein paar Schritten drehte er sich um.

„Und falls Sie mal Mut brauchen.“

„Ja?“

Er klopfte auf die Jackentasche.

„Ich hätte da noch ein bisschen übrig.“

Geliehener Mut

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