„Der Mensch hat die falschen Zähne“
Acht Milliarden Schwächlinge oder ….
warum Freundlichkeit vielleicht unsere erfolgreichste Überlebensstrategie war
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Ich sehe gerade wieder die Nachrichten. Es schüttelt mich.
Hass. Kriege. Aggression.
Menschen, die einander zu Feinden erklären.
Und manchmal frage ich mich, – warum gibt es uns eigentlich noch?
Wir Menschen sind, nüchtern betrachtet, für das Überleben erstaunlich schlecht ausgestattet.
Keine Krallen.
Keine Reißzähne.
Kein Panzer.
Kein Fell gegen die Kälte.
Wir sind nicht besonders schnell.
Nicht besonders stark.
Und trotzdem sind wir heute mehr als acht Milliarden.
Vielleicht, weil unsere stärkste Waffe nie eine Waffe war.
Es waren die anderen.
Unsere Fähigkeit, miteinander zu reden.
Einander zu vertrauen.
Wissen weiterzugeben.
Zu teilen.
Gemeinsam etwas zu bauen, was keiner allein hätte bauen können.
Kooperation.
Die Evolutionsforscher Brian Hare und Vanessa Woods nennen dieses Prinzip.
„Survival of the Friendliest.“ Das Überleben der Freundlichsten.
Nicht unbedingt der Stärkste kommt weiter.
Sondern derjenige, der mit anderen kann.
Auch der beeindruckende Niederländische Historiker Rutger Bregman hat viele Beispiele dafür zusammengetragen.
Seine These.
Der Mensch ist im Grunde gut.
Kooperation ist nicht die seltene Ausnahme, sondern ein wesentlicher Teil unseres Wesens.
Selbst in Katastrophen bricht nicht zwangsläufig das Chaos aus.
Menschen helfen.
Sie teilen.
Sie organisieren sich.
Sie retten Fremde.
Und wenn das stimmt, bleibt doch eine verdammt interessante Frage.
Warum sehen wir dann gerade so viel Hass?
Warum lassen wir uns von den schlechtesten Charakteren führen, überzeugen, begeistern?
Vielleicht auch deshalb, weil sich mit unseren schlechtesten Eigenschaften ausgezeichnete Geschäfte machen lassen.
Wut verkauft sich besser als Vertrauen.
Empörung klickt sich schneller als Vernunft.
Angst bindet Menschen stärker als eine nüchterne Nachricht.
Und Politik hat längst gelernt, damit zu arbeiten.
Und Soziale Medien haben daraus ein Geschäftsmodell gemacht.
Gerade erlebt deshalb ein Menschentyp Hochkonjunktur, den wir eigentlich längst kennen und der uns Menschen noch nie Gutes gebracht hat.
Hart.
Misstrauisch.
Abgrenzend.
Wir gegen die.
Unser Land zuerst.
Unsere Gruppe zuerst.
Die anderen sind das Problem.
Das ist kein neuer Mensch.
Das ist ein sehr alter Mensch aus dunkler Vergangenheit – allerdings mit einem Smartphone in der Hand.
Stammesdenken war einmal nützlich.
Die eigene Gruppe schützen.
Fremde als mögliche Gefahr betrachten.
Nur die Welt, für die dieses Denken gemacht war, die gibt es nicht mehr.
Wir haben ein Klima.
Eine Atmosphäre.
Ozeane, die keine Staatsgrenzen kennen.
Viren, die keinen Pass vorzeigen.
Eine Wirtschaft, in der kaum noch ein Land allein existieren kann.
Und Probleme, die sich einen Dreck um Schlagbäume oder nationalistisches Geschwätz kümmern.
Die Erde hat längst einen einzigen Stamm aus uns gemacht.
Nur unsere Köpfe haben das teilweise noch nicht begriffen.
Vielleicht entscheidet sich unsere Zukunft deshalb nicht daran, ob wir wieder härter werden.
Sondern daran, ob wir uns an jene Fähigkeit erinnern, die uns überhaupt erst so weit gebracht hat.
Miteinander reden,
einander vertrauen,
Wissen teilen,
Fremden helfen,
Fremden helfen,
gemeinsam handeln.
Nicht die Klaue.
Nicht der Reißzahn.
Der andere Mensch.
Vielleicht war das unsere größte Stärke.
Vielleicht ist es auch unsere letzte.
