Was ich vermisse …

Man lernt den vollen Wert eines Menschen erst schätzen, wenn man das Anrecht auf ihn verloren hat.
Dieses Zitat von Wilhelm Vogel ist vielleicht etwas drastisch, aber irgendwie trifft es auch meine Wahrnehmung der heutigen etwas surrealen Zeit?!

Viele Dinge die ich bisher als selbstverständlich wahrgenommen habe, sind dies heute nicht mehr. Ich lerne Ereignisse, meine Umgebung, mir wichtige Menschen mehr als bisher zu schätzen, entdecke sie neu. 

Die Welt wird nach Corona eine andere sein. Darin sind wir uns alle einig. Doch was wird anders sein? 

Ich vermisse schmerzlich die vorher so selbstverständliche Nähe zu den eigenen Kindern. Wie doch eine manchmal auch nur kurze Umarmung fehlen kann.  Wie die Enkel mit ihrer unstillbaren Sucht nach jederzeitiger Aufmerksamkeit fehlen können.
Die Zeit mit nahen Menschen ist ein unwiederbringliches Gut und durch nichts zu ersetzen.
Jedes gute Gefühl von Nähe und Wärme und damit Glück, auf das wir heute verzichten müssen ist unrettbar verloren. Diese verlorene Distanzzeit kehrt nicht wieder, versinkt in der Unendlichkeit. 

Der Tod meines Vaters hat in meinem Leben einen tiefen Riss hinterlassen. Die endliche, die uns geschenkte begrenzte Zeit wurde in einer überwältigenden Art schmerzhaft spürbar, greifbar und konkret.

Die Mutter als letztes Brückenteil zwischen dem früheren Dasein als Kind und dem jetzigem erwachsenem Leben, sie gehört zur absoluten Risikogruppe. Distanz zu wahren, unwiderbringliche Zeit zu verlieren, sie und andere zu schützen durch Trennung, durch Distanz – kann es Schlimmeres geben? 

Heute kam eines meiner Enkelkinder kurz ins Haus gelaufen. Ein kleines Ostergeschenk für Oma und Opa in der Hand. Die Worte seiner Mutter im Ohr, auf die ansonsten stürmische Umarmung zu verzichten. Abstand wahrend. So ein lieber, disziplinierter kleiner Mensch. 

Und wisst ihr, was mich plötzlich umtrieb? 

Der Schmerz in meinem Herzen wuchs ins Unermessliche als ich an all die Kinder, an die Eltern, an die Großeltern dachte, die überall auf der Welt dieses Erleben von Distanz zu ihren Lieben dauerhaft aushalten müssen. Auf der Flucht, getrennt oder als Waisen völlig alleine. Für uns wird die Zeit der Distanz hoffentlich bald zu einem Ende kommen.

Die Welt nach Corona wird nicht mehr dieselbe sein wie vorher?
Was nehmen wir mit an Erinnerungen. Lassen wir zu das unsere Erkenntnisse uns verändern?

Was ich vermisse …

Es ist doch nur 1 Kuh ?

In einem Telefonat am heutigen Tag drehte sich das Gespräch um Regeln und vorbildhaftes Verhalten.
Entzündet hatte sich die Diskussion an dem individuellen Verhalten vieler Menschen in Zeiten von Corona.
Ich hatte mich sehr darüber geärgert, wie oft die für uns alle geltenden Regeln doch ganz offensichtlich als lose Empfehlung übersetzt würden.
Mein Gegenüber war etwas irritiert über meine Rigidität in dieser Frage. Es wäre doch nicht so schlimm, wenn einzelne sich nicht an die Vorgaben hielten. Die Mehrheit wäre doch entscheidend? Er sprach damit das allgemeine Empfinden aus. Meinen Vorwurf des unethischen Verhaltens bei dem einzelnen Verstoß konnte er nicht nachvollziehen.

Um ihm meine Gedanken zu verdeutlichen habe ihm dann die Geschichte mit der 101 Kuh erzählt.

Es war einmal ein Dorf in den Bergen. Diese Gemeinde besaß eine kleine aber sehr fruchtbare Alm. Jeden Morgen wurden die Kühe der Dorfbewohner auf diese kleine Bergwiese getrieben. Es war vereinbart, dass jede der 100 Familien jeweils eine Kuh hinaufbringen durfte.
Diese Regel funktionierte über eine sehr lange Zeit. Doch eines Morgens bemerkte ein Bauer das sein Nachbar heimlich eine zweite Kuh in die Herde schmuggelte. Er konnte es kaum glauben. Doch auch am nächsten Morgen beobachtete er dasselbe Verhalten. Zuerst war er unglaublich wütend.
Doch dann sagte er sich, das es doch auch für ihn von Vorteil wäre, wenn zwei seiner Kühe die saftigen Gräser und Kräuter der Bergwiese fressen konnten. Also tat er es seinem Nachbarn gleich.
Doch natürlich blieb auch dies nicht unbemerkt. Nach und nach wuchs die morgendliche Herde an. Die kleine Alm ertrug die Last bald nicht mehr. Die Wiese wurde kraftlos, Kräuter wuchsen nicht mehr nach. Bald mussten die Bauern ihre Kühe auf eine fremde Alm treiben. Dort zahlten sie von ihrem kargen Einkommen auch noch Pacht. 100 Kühe hatte die Alm ernähren können. Mehr nicht.
Wo begann jetzt das unethische, das verwerfliche Verhalten. Begann es bei Kuh Nr. 105, 110 oder 150?
Nein. Das Unglück begann bei der 101 Kuh. Der erste Verstoß war der Beginn eines unethischen Verhaltens.
Diese erste Kuh brachte ein System zum Einsturz dessen Basis auf Ehrlichkeit, Anständigkeit und gegenseitigem Vertrauen aufbaute.
Ein einzelner der sich egoistisch verhält und Regeln unterwandert, kann also ein ganzes System zusammenbrechen lassen.
Aus diesem Grund ist der kleine individuelle augenzwinkernde Verstoß fast der schlimmste!

Nachdenklich beendeten wir das Gespräch.
Solltet Ihr Euch dieser Sicht annähern können, was würde dies in einer Vielzahl täglicher Erfahrungen bedeuten?
Ein anspruchsvoller Gedankensplitter mit Sprengkraft – meint Ihr nicht auch?

Es ist doch nur 1 Kuh ?

Die Zukunft der Vergangenheit

Wer einen Betrieb erfolgversprechend verteidigen will, muss ihn verteidigungswürdig machen.

Dieser Satz aus einem meiner alten Vorträge an der Technischen Universität Berlin fiel mir heute Abend in die Hände.

Verursacht durch den Corona Virus rollt ein wirtschaftlicher Tsunami mit ungeheurer Wucht auf uns alle zu.
Die Vorbereitungen auf den bevorstehenden Einschlag nehmen die Tage und Abende ein. So viele Betriebe werden Schaden nehmen.
So viele Menschen ihre Arbeit möglicherweise verlieren.

In vielen Diskussionen um den Stellenwert der Industrie hatte man es bis vor einigen Monaten nicht leicht. Anderes schien erstrebenswerter, schicker, zukunftsträchtiger.
Die produzierende Industrie bildet zwar gemeinsam mit dem Handwerk die Grundlage für unseren Wohlstand.
Dennoch mussten viele traditionelle Industriebereiche ihre pure Existenz in vielen Debatten immer wieder verteidigen. Obwohl ununterbrochene Innovationen stattfinden und modernste Technologien zum Einsatz kommen, war man oft in der Defensive.

Brauchen wird diese alten Industrien überhaupt noch in einer modernen Gesellschaft? Fragen, die sehr oft gestellt wurden.

Ein sicherer Arbeitsplatz mit regelmäßigem Einkommen war in meiner Jugend wie ein Lottogewinn. Stimmte dann auch noch das Arbeitsklima und die Kollegialität war alles noch viel besser.
Unsere prächtigen Schiffe, die wir im Team erschufen und auf die Weltmeere brachten, erfüllten uns mit großem Stolz.
Mit Herzblut wurde für die Werft in den vielen Krisen ihrer Geschichte gekämpft.
Es gab so viel mehr zu verteidigen als nur die Arbeitsstelle, an der man sein Geld verdiente.

Und diese Werft ist trotz oder gerade wegen ihrer tiefgreifenden Veränderungen immer noch etwas Besonderes. Innovationen und zahllose maritime technische Revolutionen haben ihren Heimathafen in Papenburg. Unzählige junge Menschen wurden ausgebildet und fanden danach Zukunft und Perspektive auf der Werft.
Wirtschaftliche Kraft floss in unsere Heimat.

Durch die Corona Krise werden ganze Märkte in kürzester Zeit quasi von links auf rechts gedreht. Bisherige Gewissheiten oder Annahmen zerfließen wie Butter in der Sonne und werden zu Makulatur.

Die Werft und vor allem die Arbeitsplätze werden in den kommenden Monaten alle Solidarität und Hilfe benötigen, die wir alle aufbringen können.

Mein Schlusssatz in Berlin lautete damals:

Weil unser Betrieb an so vielen Stellen verteidigungswürdig ist, können wir die Werft immer wieder erfolgversprechend verteidigen.

Die Zukunft der Vergangenheit

Der 7. Tag…

Es ist heute der 7. Tag des sogenannten Home-Office. Ich arbeite aus meinem Lieblingsraum zuhause.
Die Wände bis unter die Decke vollgepackt mit meinen Büchern aus Jahrzehnten einer nicht enden wollenden Leidenschaft für das Lesen.

Ich gehöre in Corona Zeiten zur Risikogruppe. Dies gilt es zu akzeptieren und zu berücksichtigen. Ich kann es kaum glauben. Verstand und Gefühl lagen noch nie so weit auseinander.

Noch bin ich etwas unentschlossen wie ich das  „Home-Office“ finden soll.
Die kurzen komplikationslosen Teepausen mit meiner Frau und das durchatmen auf der Terrasse und im Garten sind sehr schön.
Ebenso die Möglichkeit des ungestörten Nachdenkens und Recherchierens in der Bibliothek.
Die Intensität der Arbeit ist zweifellos größer als ich dies vorher für möglich gehalten hätte.

Wir werden, da bin ich mir sicher, nach der Corona Krise eine intensive Debatte um die Zukunft digitaler dezentraler Arbeit bekommen.
Doch natürlich fehlt der unmittelbare Austausch mit den Kolleg*innen. Das kreative Ping Pong Spiel von Ideen im Feuer unterschiedlicher Meinungen.
Digitale Meetings haben ihren ganze eigenen Charme. Doch an die energiegeladene Kreativität des Austausches, zwischen sich unmittelbar wahrnehmenden Menschen, kommen sie nicht heran.
Ich denke das die Zukunft darin bestehen wird, das wir entsprechend der Aufgaben den jeweils bestgeeigneten Arbeitsort aussuchen werden.

Besonders schwer fällt mir diese Zeit, weil sich die Werft in der schwersten Krise der letzten Jahrzehnte befindet. Unser Markt ändert sich in einer vormals nicht für möglich gehaltenen Schnelligkeit und Tragweite.
Die Welt im Schiffbau wird für sehr viele Jahre eine völlig andere sein.
Und es geht um so unendlich viel. Es steht so viel auf dem Spiel.
Die aktuelle Corona Krise lässt die vergangenen Krisen wie ein sanftes Morgenleuchten erscheinen. Und doch verlieren wir unnötige Energie in internen Streitigkeiten, weil diese Dramatik leider nicht erkannt wird.

Und das erste Mal seit Jahrzehnten stehe nicht ich, sondern meine jungen Kolleginnen und Kollegen der Geschäftsleitung vorne an der Front.
Sie werden ihre Sache anders angehen und mit neuen Ideen Lösungen suchen, als wir dies früher taten. Sie werden es gut hinbekommen, da bin ich mir sicher.
Ich kenne die außergewöhnliche Anspannung in solchen Zeiten als früherer Betriebsrat und als Personalleiter sehr gut.
In einer solch schicksalsträchtigen Zeit die täglichen Krisenmeetings der Geschäftsleitung über Video Konferenzen erleben zu müssen, ist eine ganz besondere Herausforderung.

Der 7. Tag…

Fühlt ihr euch auch wie im Film?

Unglaublich – dies ist ein zwischen mir und meiner Frau oft benutztes Wort in diesen Tagen. Unglaublich! Es ist, als wenn man einen Film schaut und doch selber darin mitspielt. 

Verlassene ruhige Straßen. Gespenstische Ruhe in den Siedlungen. Die Vögel haben wenig Lärmkonkurrenz bei ihrem Gesang. 

Beerdigungen sind in meiner Heimat sonst wichtige und würdige Veranstaltungen. Sehr oft mit vielen anteilnehmenden Menschen. Jetzt werden diese schnell, intim in kleiner Runde absolviert, fast wie in der Großstadt.
Unwirklich anmutende Nachrichtensendungen in denen gezeigt wird, wie Leichen mit Gabelstaplern in Kühllaster geschoben werden. Waren dies nicht üblicherweise Szenen für Gruselfilme? 

Talk Shows mit Akteuren die jetzt auch räumlich und nicht nur inhaltlich große Distanzen haben und ein Studio ohne Zuschauer. In einer durchökonomisierten Show- Medienlandschaft bisher unvorstellbar

Das bisher als normal empfundene Leben, fast eingefroren und in Zeitlupe!

Ich fragte mich schon oft, mit was die ganzen Menschen ihre Zeit, ihr Leben so befüllen. Was sie so den lieben langen Tag tun oder getan haben. Manchmal vermutete ich wirklich merkwürdige Dinge und Beschäftigungen. Doch was machen diese Menschen jetzt eigentlich? 

Die Wünsche, Planungen und Themen, die gestern noch ganz oben rangierten (Urlaub; Events; Shopping; Partys; neues Auto etc.) rutschen angesichts der elementaren Fragen weit nach hinten.  Dorthin wo sie eigentlich auch dauerhaft hingehören.
Doch was wird passieren, wenn dieser Film endet?  

Natürlich gibt es auch einiges, was gleich bleibt und sich nicht ändert. Die unappetitlichen und bornierten Menschen sind noch genauso unangenehm wie vorher. Sie sortieren ihre jetzigen Erlebnisse in die Regale ihrer Echokammern ein. Die Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen, der Hass aus ihren Statements verbreitet noch genau denselben üblen Gestank wie vor Corona.

Die Mehrheit der mitfühlenden netten Menschen sind offenbar noch netter und emphatischer geworden?  Pflegekräfte, bis zur Verkäuferin, die vorher bestenfalls zur Kenntnis genommen wurden, sind plötzlich bejubelte Held*innen (wie lange noch?)

Die etwas einfältigeren unter uns Menschen verfangen sich nach wie vor in den vielen Lügengeschichten, den Verharmlosungs,-  oder andererseits in Katastrophenlegenden. 

Die nachdenklicheren reiben sich ungläubig die Augen. Was plötzlich alles so geht…..?!

Man muss sich nur einmal vor Augen halten, dass es in Frankreich vor einigen Monaten wegen etwas höherer Dieselkosten eine riesige „Gelbwestenbewegung“ gab. Brennende Barrikaden im Zentrum von Paris. Blutige Zusammenstöße!
Der Wutbürger war unkalkulierbar. Man durfte ihn nicht reizen? Ein einfaches Tempolimit auf Autobahnen? Undenkbar! So etwas würde diesem Land eine Zerreißprobe auferlegen! 

Heute gibt es Ausgangsbeschränkungen, Sicherheitsabstände.
Staatlich veranlasste Einsamkeit.
Bei der Bekämpfung dieser Seuche werden gesellschaftliche Kräfte mobilisiert und Weichen gestellt die bei der uns alle ebenfalls bedrohenden Klimakatastrophe unvorstellbar wären.  In der Seuchenbekämpfung schauen wir vertrauensvoll auf die Wissenschaftler, hören ihnen zu und akzeptieren ihre Warnungen. Warum tun wir dies nicht auch beim Klima? 

Dort treffen wissenschaftlich fundierte Warnungen auf große Gelassenheit.
Sicherlich,  der Virus ist eine Gefahr für jeden einzelnen, für die Großeltern, die eigene Familie. Die Gefahr ist konkret.
Die Klimakatastrophe ist in vielen Köpfen eher eine Gefahr für die nachfolgenden Generationen. Ist es fair hier zwei Maßstäbe anzulegen? 

Klimaveränderungen töten auch schon heute. Da dieses stille, ungerechte, erbärmliche, brutale und massenhaftes Sterben uns aber erst einmal nicht direkt betrifft und abseits der großen Reportagen stattfindet, findet es irgendwie für uns auch nicht statt?!

Vor dem Virus fürchten sich letztendlich alle, vor der kommenden Klimakatastrophe leider nur die Vorausschauenden, mit Weitblick beschenkten Menschen?

Vielfach kursieren im Netz tiefsinnige Betrachtungen zum Virus. Es wird eine Art Sinnsuche betrieben. Doch dieser Virus ist keine Rache der missbrauchten Schöpfung an uns Menschen. Dieser Virus ist auch nicht die Strafe für die Globalisierung.
Epidemien gab und gibt es immer wieder. Wir Menschen werden von Anbeginn der Zeit begleitet von schlimmen Seuchen. Millionen lassen dabei Tag für Tag ihr Leben. Wir haben Pest, Cholera, Pocken, Lepra und Grippe erlebt.
Und nebenbei bemerkt, – die Impfgegner bereiten die nächsten Seuchen vor.

Diese Seuchen dauerten früher nur sehr viel länger bis diese überall ankamen. Und wir wussten nicht voneinander. Die Globalisierung kann man leicht verdammen, doch sie bietet Milliarden von Menschen überhaupt eine Chance am Wohlstand teilzunehmen. Deshalb wird dieser Virus die Globalisierung auch nicht stoppen.

Allerdings spüren wir die große Verletzlichkeit dieser globalen Ökonomie. Wir lernen, dass es in einer kleiner gewordenen Welt mehr Verantwortung füreinander haben.

Wie bei der kommenden Digitalisierung ist auch die Globalisierung nicht per se gut oder schlecht. Es kommt ausschließlich darauf an was wir daraus machen. 

Zurück zu unserem Film.
Ich erlebe viele Menschen die, herausgerissen aus der Hetze des Tages, ihre Verletzlichkeit spüren.
Fragen brechen hervor an den langen Tagen und in den ruhigen Nächten. Selbstverständliche Sorgen um die Arbeit, um das Einkommen, um all die Fragen der täglichen Existenz.
Aber eben auch, manchmal in ungelenke Worte gekleidet, sehr tiefgehende Fragen.
Wie sieht mein Leben, wie sieht meine Arbeit morgen aus? 

Auf der Straße entwickeln sich, in gebührendem Abstand, Gespräche über die Zeit nach der Krise. Was wird bleiben? 

In der Politik erleben und genießen wir sachliche Diskussionen statt lärmendem Streit und persönlichen Verunglimpfungen und Verletzungen. Wird Politik nach der Krise wieder in die alten Verhaltensmuster zurückfallen? Werden Parteien, Gruppen, die Medien und wir alle diesen aktuellen Zustand bewahren und schützen, oder aus Lust an der Unterhaltung wieder den Skandal, den lärmenden Streit forcieren?

Werden wir uns die Frage erlauben, ob es so undenkbar ist, dass es Phasen der Ruhe in unseren Wochen geben darf. Dass dies ein Wert an sich ist und es keinen Zwang gibt ständig über die Notwendigkeit von verkaufsoffenen Sonntagen zu philosophieren? 

Wir erleben einen strahlend blauen Himmel ohne unzählige Kondensstreifen von zigtausenden Billigfliegern. Wie finden wir das? 

Wir erleben heute in allen Bereichen eine alternative Wirklichkeit, quasi ein Experiment mit uns allen. Stellen wir uns einmal vor, so ein Experiment für ein anderes, ein entschleunigtes Leben, hätte sich ein Politiker*in in ein Wahlprogramm geschrieben. In den Schlagzeilen des Boulevards wäre er zerrissen worden. Eine Gummizelle würde ihm/ihr empfohlen aber er/sie wäre kaum in einem Parlament gelandet? 

Lehnen wir uns doch einmal zurück und sortieren unsere Erfahrungen und Erlebnisse. Wir haben heute schrecklichen Sorgen. Und doch können wir durch die ergriffenen unglaublichen Corona Maßnahmen, wie durch eine geöffnete Tür, den Blick auf eine andere Zukunft werfen als jene, die bisher so alternativlos erschien.

Fühlt ihr euch auch wie im Film?

Sind wir alle bald am Arsch …?

Nichts steht dem Verfall so nahe wie die Blüte.Und so wie in der Natur, so ist es auch in der Wirtschaft.

Brutal erwischte das Corona Virus ein tiefenentspanntes  Europa.Die jetzt schon erkennbaren Folgen, die medizinischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kosten der Coronakrise werden wahrscheinlich alptraumhaft.
Dagegen werden sich die Auswirkungen der Finanzkrise 2008 wie Peanuts ausnehmen.

Ob es zu einer sehr langen ökonomischen Eiszeit kommt? Vieles spricht dafür. Doch Gewissheit hat wohl nur, wer eine funktionierende Weissager Glaskugel besitzt,
Wir stehen gruselnd vor einer gigantischen Nebelwand in der sich viele Fragen und Probleme verbergen.

  • Dieses Virus ist neu.
  • Wir kennen es kaum.
  • Wir wissen nicht, wie es sich weiter verhalten wird.
  • Wir wissen nicht wie sich die Krankheit bei uns ausbreiten wird.
  • Wir können nur erahnen, welche Maßnahmen die betroffenen Länder um uns herum noch ergreifen werden.
  • Wir wissen auch nicht, was diese Zeit mit uns allen, der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft machen wird.

Neben dem prognostizierten wirtschaftlichen Crash, wäre es natürlich auch denkbar, dass die Pandemie in wenigen Wochen abgeklungen sein wird. Das der Sommer eine Aufholjagd zurückgestellter Geschäfte und Arbeit würde.
Statt Krise käme es zu Aufschwung?

Sind wir alle bald am „Arsch“ (Entschuldigung für diesen Begriff) oder schauen wir demnächst belustigt auf unsere heutige Angst?

WIR WISSEN ES EINFACH NICHT!

Mit ziemlicher Sicherheit werden wir uns zwischen diesen beiden Extremen wiederfinden. Auch schon schlimm genug.

Eine Prognose gefällig?
Es wird uns massiv treffen. Ganze Märkte brechen jetzt schon zusammen. Viele Betriebe sind heute schon am Limit. Und das ist erst der Anfang.
Die Ausgangsbedingungen sind gegenüber 2008 um ein vielfaches schlechter:

  • Das Vernichtungspotenzial der Corona Krise ist um ein zigfaches höher.
  • Die weltweiten Schulden sind beträchtlich größer als bei der Finanzkrise 2008.
  • Die Notenbanken haben kaum noch Spielräume. Die Zinsen sind ja schon bei null.
  • Wir haben uns alle zu lange in großer Sicherheit gewähnt und haben unserer Hausaufgaben nicht gut genug gemacht (Digitalisierung; Flexibilisierung; Qualifizierung; Bildung).
  • Die Nationen arbeiten nicht mehr zusammen. Es herrscht ein ausgeprägter Geist des gegeneinander (Nationalismus und Protektionismus)

Es gibt in der Natur einen interessanten Effekt.
Es nennt sich Hysterese.
Setzt man ein Metallstück für längere Zeit einem Magnetfeld aus, bleibt dieses Stück Eisen auch magnetisch, wenn der Einfluss verschwunden ist.
Materie scheint ein Art von Gedächtnis zu haben. Es hat sich durch einen solchen Einfluss verändert und kehrt nach einem solchen Schockerlebnis nicht wieder in den Ursprung zurück.

Was hat das nun mit unserer Situation heute zu tun?
Die Erlebnisse der letzten Wochen erscheinen uns fast unglaublich. Ein Horror der sich vor unseren Augen entwickelt. Viele wünschen sich möglichst schnell die alte „Normalität“ zurück.
Doch dies wird aller Voraussicht nach nicht geschehen. Vieles wird nach den Schrecken dieser Monate völlig anders sein als zuvor. Und dies für eine sehr sehr lange Zeit.
Wir werden nicht wieder in das bisherige alte Gleichgewicht zurückkehren.

Die Erfahrung der letzten Krisen zeigen, dass auch dann, wenn die Wirtschaft wieder in Schwung kommt, es keine Rückkehr auf den vorherigen Stand gibt. Geschäftsfelder werden kritischer überprüft. Die Neueinstellungen entsprechen nicht den vorherigen Kündigungen. Die Kapazitäten und die Qualifikationsanforderungen an die Belegschaften werden differenziert und  skeptischer in Augenschein genommen. Während der Erholung erinnern sich Menschen und Strukturen kritisch an die Erlebnisse in der Krise.

Wirtschaftliche und soziale Hysterese eben.

Wir werden nach der Corona Krise eine völlig veränderte wirtschaftliche Welt vorfinden.
Bei der Finanzkrise 2008 hat man erschrocken festgestellt, welche Fehlentwicklungen im Finanzsektor entstanden waren. Nach der Rettung der Banken durch die Gesellschaften gab es viele Veränderungen, die man vorher für unmöglich gehalten hätte. Gesetzliche Regulationen (die vorher unvorstellbar waren) wurden beschlossen.

Jetzt steht die reale Wirtschaft im Feuer. Und plötzlich zeigt sich, wie verletzlich auch die produzierende Industrie letztendlich ist.

Das durch den öffentlichen verordneten Stillstand des Landes viele Betriebe die vom Inlandskonsum leben, schnell in existenzielle Probleme kommen würden, war nicht verwunderlich. Kaum einer hätte sich auf so ein Ereignis vorbereiten können.
Doch schon als der Virus nur in China tobte, war es irritierend wie viele Liefer,- und Wertschöpfungsketten abrupt zusammenbrachen.

Wenn wir nach dieser Krise die Trümmer unserer Wirtschaft aufräumen müssen, dann gilt es Lehren aus der aktuellen Zeit zu ziehen.

Wir werden nach Corona die produzierende Realwirtschaft aufwändig stabilisieren, festigen und entlasten müssen.
Viele Familienunternehmen werden alle Hände voll zu tun haben um ihre Betriebe zu erhalten oder neu aufzubauen.
Die Realwirtschaft ist kein zu belächelndes Relikt aus einer alten Weltordnung, sondern, oft genug vergessen, die Basis unseres gemeinsamen Wohlstandes. Eine reine Dienstleistungsgesellschaft wird dies nie leisten können.
Und es gibt für diese reale Wirtschaft zeitlose Grundsätze, die manchmal als altmodisch belächelt werden, aber neu entdeckt werden sollten.

Wer sich z.B in unserem Land schnell und nachhaltig unbeliebt machen will, der bekennt sich zur Notwendigkeit von Gewinnen.
Wer schnell in bestimmte Schubläden geraten will, der bekennt sich zur Notwendigkeit von Vorsorge und der Bildung von sogenannten unternehmerischen „Kriegskassen“.
Die Tugenden des guten Kaufmanns wurden belächelt.
An den Börsen und in den Medien wurde denjenigen applaudiert, die ganz hart am Wind segelten und keinerlei Finanzmittel brachliegen hatten. Überschüssiges Geld wurde nicht für schlechte Zeiten zur Seite gelegt. Es gehörte ausgeschüttet!
Es wurde für alles mögliche verwendet. Tantiemen, Prämien und Boni.
Für schlechte Zeiten oder für Zukunftsinvestitionen blieb zu oft zu wenig übrig.
Heute kann man diese Börsenlieblinge bei den Bettelgängen zu den Regierungen beobachten.

Wir sollten uns aufgrund der fragilen Lieferketten und der ausgehungerten Lagerhaltungen fragen, ob die  Auswüchse der „Lean production“ die aktuellen Probleme rechtfertigen.
Sind wir bereit so hohe Abhängigkeiten in unserer Industrie oder bei der Herstellung lebensnotwendiger Medikamente zu akzeptieren?

Wir stellen erschrocken fest, welche katastrophalen Auswirkungen der Ausfall eines einzigen Zulieferers haben kann. Im besten Fall verzögert sich die Produktion um Wochen. Die zeitlich und logistisch fein aufeinander abgestimmten Produktionsprozesse kommen abrupt zum Erliegen. Die komplexen Konstruktionen fallen in sich zusammen.

Da wir immer wieder mit solchen Krisen konfrontiert sein können, (was wir gerne verdrängen) gilt es die jetzt erkannten Schwachstellen kritisch zu kontrollieren.

Lagerhaltung wurde bis tief in die Supermärkte hinein wegökonomisiert (Toilettenpapier, Nudeln und Mehl lassen grüßen). Der Schutz vor Unerwartetem spielte keine Rolle mehr. Dies rächt sich heute.

Wie schrieb N.Taleb „ Es ist öknomisch wenig sinnvoll zwei Nieren zu haben, doch wenn eine ausfällt, weiss man diese Verschwendung zu schätzen“.

Was wird also nach der Corona Krise sein?

Vielleicht die Einsicht das die produzierende Realwirtschaft zusätzliche Polster benötigt. Ob in Form von Waren oder Geld. Und das diese Vorsorgen uns allen etwas wert sein sollten. Wie können wir solche Vorsorgen fördern?

Es wäre falsch die Globalisierung jetzt zu verdammen. Diese hat vielen Ländern erst eine Chance im weltweiten Handel gegeben. Doch wir müssen auch erkennen, dass die Wirksamkeit einer globalen Arbeitsteilung auch fragil sein kann. Alle beteiligten Staaten müssen Spielregeln auch in Notzeiten einhalten! Ohne diese Grundregel herrscht wirtschaftliche Anarchie.
Das diese Selbstverständlichkeit in Zeiten blühenden Nationalismus und Protektionismus nicht mehr zwingend vorausgesetzt werden kann, das erkennen wir heute.

Daraus gilt es wirtschaftliche und politische Schlussfolgerungen zu ziehen.

Sind wir alle bald am Arsch …?

Mutig an der Ems!

Genau heute vor 45 Jahren begann mein Arbeitsleben auf der Meyer Werft. Wow – was waren das für Jahrzehnte. Prallgefüllt mit unglaublichen Erlebnissen. So viele beeindruckende Menschen die ich erleben durfte. Und doch hätte ich es mir nicht träumen lassen an just diesem Tag gemeinsam mit allen Kolleginnen und Kollegen vor der vielleicht schwersten Krise nach dem zweiten Weltkrieg zu stehen. Der Blick nach vorne ist voller Sorge und vielen Fragen.
Unsicherheit macht sich breit. Noch haben es nicht alle verstanden welche Herausforderungen jetzt vor uns liegen.

Gestern Abend fiel mir meine Jubiläumsrede von 1995, also einige Zeilen von vor 25 Jahren in die Hände. Beim Lesen habe ich mir gedacht das vieles von dem was wir uns bei der 200 Jahr Feier auf der Alten Werft versprochen haben, auch heute noch gilt.

Vielleicht viel Spaß beim Lesen 🙂
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Rede anlässlich der Jubiläumsfeier der Meyer Werft am 28.Januar 1995

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Kohl, sehr geehrter Herr Minister Habibie, sehr geehrter Herr Minister Fischer, sehr geehrte Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Familie Meyer.

Im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen begrüße ich Sie alle ganz herzlich und bin so stolz, dass hier an dieser Stelle unsere Jubiläumsfeier stattfindet.   Hier an dieser Stelle, an der Generationen von Menschen unseren Betrieb, unsere Werft gemeinsam aufgebaut, sie stark und groß gemacht haben.  Hier an dieser Stelle, wo unsere Werft geboren wurde, wo Kraft, Ideen und alle Energie der Inhaber, des Managements und der Belegschaft schon immer gebündelt wurden, um Erfolg zu haben, Arbeit zu sichern, um zu beweisen was wir können.  Wir sind so unendlich froh, das es uns vergönnt ist diese Feier mit Ihnen allen zu begehen. Wir sind froh und dankbar, dass wir heute an dieser uns so vertrauten Stelle keine Ruine haben, sondern Feste feiern und Versammlungen abhalten können.

Liebe Gäste. Bei einem solchen Jubiläum schlägt man sich gerne selbst auf die Schulter, aber wir könnten kein Jubiläum feiern, wenn wir nicht unsere Kunden hätten. Unsere Kunden, die uns schätzen, die uns mögen und die uns vor allem vertrauen. Wir wissen, dass dieses Vertrauen und diese faire Zusammenarbeit keine Selbstverständlichkeit ist. Verbundenheit zeigt sich insbesondere in schwierigen Zeiten! Unser ganz besonderer Dank ist deshalb keine leere Floskel, sondern kommt tief aus unseren emsländischen und ostfriesischen Herzen.

Sehr geehrter Herr Minister Habibie, liebe Freunde aus Indonesien. Es gibt keine stärkere Verbindung wie jene zwischen Menschen, die sich mögen. In der Zusammenarbeit zwischen unserer Belegschaft und unseren Indonesiern (ja sie sind schon richtige Papenburger geworden und der eine oder andere kann auch schon das eine oder andere plattdeutsche Wort) ist Freundschaft und Sympathie entstanden. Meine Kollegen arbeiten wirklich gerne für Sie und wir mögen Sie einfach sehr gerne. Was soll man mehr sagen? Wir bedanken uns für ihr Vertrauen.

Liebe Gäste und Freude von Celebrity Cruises, liebe sehr geehrte Familie Chandris. Meine Kollegen danken auch Ihnen ganz herzlich für Ihr Vertrauen in unsere Leistungsfähigkeit. Wir wissen um ihre Träume, ihre Erwartungen und Wünsche an ihre Traumschiffe aus Papenburg.  Und diese Belegschaft, liebes Celebrity Cruises Team, verspricht ihnen die Erfüllung dieser Erwartungen.

Liebe Gäste von P&O. Dass wir die ORIANA bauen, das wurde von uns allen von ganzem Herzen gewünscht und erkämpft. Dass Sie uns den Bau dieses wunderschönen Schiffes anvertrauten – wir sind so stolz und glücklich.  Wir haben für die ORIANA all unser Können aufgeboten.

Liebe Freunde, liebe Gäste. Unsere Heimat, alle Emsländer, alle Ostfriesen und nicht nur meine Kolleginnen und Kollegen erfreuen sich an unseren Schiffen, die nicht nur schön aussehen, sondern reinste Hochtechnologie sind. Glauben Sie uns lieber Herr Bundeskanzler – wir sind haben für uns entschieden mit diesen Schiffen zu beweisen, was in uns steckt. Dass wir viel viel mehr können und daß wir auch mehr wollen, als nur Touristenziel zu sein oder schwarzbunte Kühe zu züchten.  Wir sind die älteste Werft mit der weltweit jüngsten Belegschaft (im Durchschnitt 34 Jahre) und wir bieten einer übermächtigen Konkurrenz selbstbewusst die Stirn.  Wir lassen uns nicht unterkriegen.  Wir alle bringen uns viel mehr ein als es vielleicht üblich ist. Wir sind ein Team, wir sind geschlossener und entschlossener als alle anderen um den Erhalt dessen wofür wir alle hart gearbeitet haben zu sichern. Doch nur mit der Gegenwart geben wir uns nicht zufrieden.

Wir wollen eine gute Zukunft für unsere Kinder,  wir wollen eine gute Zukunft für unsere Heimat. Belegschaft und Management arbeiten hart und Hand in Hand für eine erfolgreiche und überlebensfähige Werft und viele neue Industriearbeitsplätze.  Wir wollen einen Ausbau dieser Werft mit noch mehr Arbeitsplätzen bei uns aber auch bei noch mehr Zulieferern aus der Region.
Wir glauben so sehr an die Zukunft der Schifffahrt und des Schiffbaus, an die Zukunft am, im und um das Wasser herum. Wir erfreuen uns so sehr an unserer Arbeit, die zufrieden macht, die Sinn hat, auf die wir stolz sind, dass wir jeden, der zu uns kommt, zu einem Missionar in unserer Sache machen möchten.

Wenn man weiß, was Schiffbau für einen Schiffbauer bedeutet, dass Schiffbau nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung ist – (wir bekommen ja deshalb eigentlich auch keinen Lohn sondern Gage –) ….. Wer also weiß was uns Schiffbau bedeutet, der kann auch verstehen, wie einem das Herz blutet, wenn man an die zu vielen verlorengegangenen Arbeitsplätze z.B bei Janssen in Leer oder Sürken in Papenburg denkt. Viele dieser Kolleginnen und Kollegen haben auf unser stärker gewordenen Meyer Werft eine neue Existenz gefunden.

Wenn – wie die Japaner und Koreaner es glauben – das Wasser und damit all das, was mit Wasser zu tun hat, die Zukunft ist, dann soll diese Zukunft nicht nur in Tokio, nicht nur in Korea, dann soll diese Zukunft auch hier bei uns in Deutschland und dabei natürlich insbesondere hier in Papenburg stattfinden.  Das ist unser erklärtes Ziel von dem wir nicht ablassen.

Für die Zukunft zu sorgen heißt auch, das Ziel der Beschäftigung von Menschen und den wirtschaftlichen Erfolg ganz oben anzustellen.  Wir als Belegschaft wollen dabei nicht nur Zuschauer sein. Es ist unsere gemeinsame Vergangenheit die wir heute feiern, und wir wollen mit all unseren Fähigkeiten, mit all unseren Kräften und Ideen die gemeinsame, die ökonomische und die soziale Zukunft mitgestalten.

Die Schwierigkeiten der letzten 200 Jahre waren gigantisch und manchmal ist es gut und notwendig sich bei unserer gegenwärtigen Verzagtheit daran zu erinnern, um zu erkennen, dass Probleme immer bewältigt werden können. Dies lieber Herr Bundeskanzler gilt im Übrigen nicht nur für die Werft, sondern für unser ganzes Land – oder?
Der Pakt, der uns die letzten 200 Jahre überleben ließ, die faire Zusammenarbeit der Unternehmensleitung, der Belegschaft, des Betriebsrates und der IG Metall auf und für die Werft, er bietet auch die Chance für weitere lange und erfolgreiche Jahre. Die Unternehmensleitung muss Aufträge heranholen, muss Kunden gewinnen und behalten. Die Politik muss für gleiche und faire Rahmenbedingungen sorgen. Mittelmanagement und Belegschaft stehen in der Verantwortung den Betrieb in der Praxis immer schlagkräftiger, noch qualifizierter und immer produktiver zu machen. Daran gibt es keinen Zweifel. Diesen Aufgaben stellen wir uns als Belegschaft und als Betriebsrat. Wir stellen uns diesen Herausforderungen gerne, weil es viel mehre Spaß macht nach vorne zu schauen, nach vorne zu gehen, an sich zu glauben, sich an den eigenen Wünschen und Träumen zu berauschen, hungrig auf die Zukunft zu sein, als abzuwarten, nur gebannt auf mögliche Gefahren zu starren und erst auf Herausforderungen zu reagieren, wenn es schon zu spät ist.
Das ist nicht unsere Art hier im Emsland und in Ostfriesland.

Vielen vielen Dank. Dass Sie alle gekommen sind. Feiern Sie schön mit uns und vor allem. ….. werden Sie nach unserer Jubiläumsfeier unsere Missionare!

 

Mutig an der Ems!

Erfahrung ist ein langer Weg und eine teure Schule

Licht am Ende des Tunnels.jpg

Der Corona Virus wird irgendwann besiegt sein. Was wird von dieser Zeit bleiben? Trauer bei denen, die Menschen an diese Krankheit verloren.
Dankbarkeit bei denen, die verschont wurden oder die Krankheit überstanden haben.
Trauer, Wut und Verzweiflung bei all denen, die in Folge des Stillstandes unseres Landes ihre Existenz verloren.  Dieser Virus wird irgendwann verschwunden sein. Hoffentlich hinterlässt er bei uns keine gesundheitlichen und zu starken wirtschaftlichen Schäden.

 

Bild Ewa Mazur/ 123rf.com

Doch auch wenn dieser Virus nicht mehr unser tägliches Leben bestimmen wird, unsere Erfahrungen mit dieser Zeit, die bleiben uns erhalten.
Die Welt nach Corona wird nicht mehr dieselbe sein wie vor dieser Krankheit. Vieles wird sich ändern. Vieles Alte wird schneller vergehen und Neues schneller kommen als gedacht.

Nur das Wissen ist geistig und verklärt,
bis man es in der Realität erlebt und erfährt.
Erfahrung wächst sodann heran,
so nutze beides oft – und nicht nur dann und wann.

Einige alte Worte aus einer „Dichterphase“, die ich schon mehrfach auf Karten geschrieben habe.  Warum jetzt eine solche Zeile in diesem Gedankensplitter?

Corona traf auf eine wissende Welt. Wir wussten um unsere Anfälligkeiten.
Wir wussten um die Gefahren.
Wir wussten, dass wir viele Dinge (wie z.B den Gesundheitssektor) aus Kostengründen dicht an den Abgrund gefahren haben. Wir wussten um unsere unzureichenden internationalen Abstimmungsprobleme bei großen Krisen.
Und doch erst jetzt erfahren wir unmittelbar, wie sinnlos und tödlich der Besitz von Wissen, ohne daraus resultierendes Handeln tatsächlich sein kann.
Wir müssen offenbar immer erst Erfahrungen machen – nur dann ändern wir uns.
So erleben wir es bei der Klimafrage und bei der Corona Pandemie.

So machen wir heute unsere Erfahrungen – doch was machen wir später daraus?

  • Wir erleben mehr freundliche und zuvorkommende Menschen, als wir gedacht hätten. Wir denken oft die Welt und die Menschen sind alle verrückt geworden. Die schlechten, bösen und absonderlichen Menschen sind nicht die Mehrheit. Wir übersehen in dem täglich brüllenden Medientornado das es viel mehr beeindruckende, mutige und selbstlose Menschen gibt.
    Vergessen wir dies nach der Krise wieder?
  • Was habe ich mich immer heftig mit Impfgegnern gestritten. Sie waren so gegen Impfungen, denn die Toten waren weit weg. Sie kannten diese nicht. Plötzlich sind sie selber und ihre Familien betroffen. Wie werden wir nach Corona über Impfungen diskutieren? Müssen wir erst Nahtod Erfahrungen machen, um klug zu werden?
  • Die Diskussion über Internet und Breitbandverbindungen in ländlichen Regionen war bisher kein Massenthema. Doch noch nie fühlte man sich auf dem Land und in älteren Siedlungen abgeschnittener von der Welt als heute. Werden wir uns nach der Corona Zeit die zahlreichen Entschuldigungen und Scheinargumente gegen einen massiven Netzausbau noch so gefallen lassen?
  • Viele Firmen erleben ihre Abhängigkeit und Hilflosigkeit, weil ihre IT nicht mehr läuft und der Support zuhause ist. Weil sie eine Cloud bis heute für einen Teil des Wetterberichtes hielten. Wie werden wir morgen darüber sprechen?
  • Die bisherigen Selbstverständlichkeiten gibt es derzeit nicht mehr. Eben schnell zur Bank, zum Arzt, zum Friseur. All das was den Tag ausgefüllt hat, wie das tägliche Atemholen, ist plötzlich nicht mehr da.
    Wer hat schon jemals in seinem Leben darüber nachgedacht in einen Toilettenpapiermangel zu geraten? Wer hätte es für möglich gehalten das Nudeln, Mehl und Hefe nicht mehr zu bekommen sind?
    Das der Urlaub, der schnelle Restaurantbesuch, das Kino oder das Theater Dinge wurden, die plötzlich unkalkulierbar und unplanbar geworden sind. Wie werden uns diese Erfahrungen verändern? Werden wir solche „Erlebnisse“ mehr wertschätzen, als dies heute der Fall ist?
    Und, um auf das Toilettenpapier zurückzukommen, werden die Firmen ihre Logistik und Lagerhaltung überdenken?
  • Die Klage über eine immer schlechter werdende Arztversorgung auf dem Land war bisher, geben wir es doch zu, eine Debatte, die bei vielen jungen Leuten auf der Nebenspur lief. Doch plötzlich trifft dieser Mangel an ärztlicher Grundversorgung nicht mehr nur fremde Omas und Opas. Unvermittelt ist die engste Familie betroffen. Die Kinder und Enkel, der Ehepartner. Wo ist Hilfe? Mit wem kann ich bei völlig überlasteten Notrufleitungen reden? Mit wem kann ich mich austauschen, wenn viele Arztpraxen noch mit Faxgeräten arbeiten?
    Wie diskutieren wir darüber nach Corona?
  • Wir wussten alle, dass wir unser Gesundheitssystem und unsere Krankenhäuser bis an den Rand des Abgrunds gewirtschaftet haben. Pfleger*innen, Ärzte, ja das gesamte System wurde aus Kosteneffizienzgründen an das absolute Limit gefahren. Von Reserven und Puffern keine Spur.
    Aufgrund dieser Entscheidungen, dem Wissen ohne Taten, sterben heute Menschen. Wie werden wir nach Corona darüber sprechen?
  • Und nicht nur bei Toilettenpapier gibt es Probleme. Viel schlimmer sieht es bei den Engpässen und Abhängigkeiten von Medikamenten und Schutzausrüstungen aus. Wie werden wir aus diesen Erfahrungen lernen?
  • Wie oft haben wir geklagt über Menschenmassen. Individualität und Distanzen waren angesagt. Und heute? Ich vermisse die Menschenmengen auf dem Wochenmarkt schon. Werden wir diese Bilder und unangenehmen Gefühle von ausgestorbenen Geisterstädten und Kommunen in Erinnerung behalten?
  • Wie viele kleine Händler werden sterben, weil die Paketdienste in diesen Wochen noch präsenter und allumfassender wurden?
    Werden wir verstehen, respektieren und bei unseren Einkäufen beherzigen, das die kleinen Läden auch nach Corona zu unserem Leben dazugehören? Werden wir diese mit aller Macht unterstützen oder die Bequemlichkeit der Paketdienste nicht mehr missen wollen?
  • Das hochgelobte Home-Office erweist sich vielfach als (ich komme auf die fehlende Internetversorgung zurück) gut klingende Worthülse. Weder die Netzwerke noch viele IT Systeme von Firmen waren auf diese neuen Anforderungen vorbereitet. Wie werden wir uns in der Zeit nach dem Corona Virus hierzu aufstellen?
    Werden wir Systeme in denen Teams nicht über externe Verbindungen zusammenfinden können als das Brandmarken, was sie sind. Hoffnungslos veraltet und nicht zukunftsfähig?!
  • Auch die Schulen und die Schüler*innen erleben den Unterricht aus einer ganz anderen Warte? Nach allem was ich höre, gibt es gute aber ebenso auch schlechte Erfahrungen. Werden wir diese Erkenntnisse nutzen, um generell über eine Entschlackung des Unterrichts nachzudenken? Indem wir eine gesunde Balance zwischen Präsenzpflicht und einer Wissensvermittlung mit Hilfe der neuen Techniken anstreben?
  • Wir erleben Künstler, die ihre erzwungene Distanz nutzen, um neue Formen des Präsentierens ihrer Kunst auszuprobieren. Werden diese Erfahrungen dazu führen das ganze Berufszweige ihre Existenz verlieren werden, oder sind dies Ansätze, um auch Gegenden abseits der Oberzentren einen neuen Zugang zu Kunst und Kultur zu ermöglichen?

Wenn wir unsere aktuellen Erfahrungen nicht verdrängen und vergessen, werden sie uns helfen die Zukunft zu gestalten. Zukunft heißt Anpassung und Veränderung. Das ist das Gesetz des Lebens. Diejenigen die nur immer zurückschauen werden die Zukunft verlieren.

 

Erfahrung ist ein langer Weg und eine teure Schule

Werft mit Verantwortung!

Es ist schon eine merkwürdige Situation. Seit Tagen rechtfertige ich mich immer und immer wieder dafür das wir auf der Meyer Werft versuchen den Betrieb aufrecht zu erhalten.

Dabei ist die Ausgangslage doch eigentlich recht einfach.

Nach den ersten Anzeichen der Corona Krise griff bei uns der Pandemieplan. Alle Gremien und verantwortlichen Akteure auf der Werft waren an den umfangreichen Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beteiligt.

Der Gesundheitsschutz der Menschen steht über allem.

Die laufend verschärften Einschränkungen und der reduzierte Betrieb führen schon heute zu starken wirtschaftlichen Einbußen.

Demgegenüber stehen unsere Erkenntnisse zu den Auswirkungen einer kompletten Betriebsschließung. Es würde nach einer solchen Schließung sehr lange dauern die Werft wieder vollständig zu reaktivieren. Wie die Werft so etwas überstehen würde ist mindestens unsicher.

Aber ist es nicht auch ein Akt der gesellschaftlichen Solidarität, wenn Betriebe die dazu in der Lage sind versuchen den Betrieb aufrecht zu erhalten?

Größere Betriebe haben sehr viele interne Instrumente und Möglichkeiten wie z.B vielfältige Arbeitszeitkonten, Schichtsysteme, Urlaubsnutzungen.
Kleine Betriebe haben diese Möglichkeiten oft nicht.

Sehr viel Geld bringt unsere Gesellschaft zum Ausgleich der Krise auf.
Die Politik stemmt sich mit Macht gegen die Krise.
Doch machen wir uns doch bitte nichts vor! Dieses Geld wird nicht für alle ausreichen. Deshalb sollten alle Betriebe, die den gesundheitlichen Schutz der Menschen bei laufendem Betrieb gewährleisten können, auch so lange es geht weiterarbeiten.

Wir sind zu Recht immer stolz auf die immense Beschäftigungswirkung unserer Werft in Niedersachsen/ Deutschland und Europa. Doch jetzt fordern unsere Kritiker eine MEYER FIRST Politik? Wir sollen, ohne Rücksicht auf die Region und auf unsere vielen Partner, schließen. Viele Betriebe würden dies nicht überleben!

Deshalb ist der Versuch, den Betrieb trotz vieler Kosten weiter zu betreiben, ein Akt der Solidarität mit der Gesellschaft und mit unseren vielen regionalen Zulieferbetrieben.

Kritisiert wird unser Festhalten an den Mitarbeiter*innen der Werkvertragsfirmen.
Doch ist dieser Vorwurf fair und verantwortungsvoll?

Unsere Stammmitarbeiter haben eine Arbeitsplatzgarantie bis 2030!

Unsere Mitarbeiter*innen können zum Ausgleich von Kapazitätsschwankungen Zeitkonten und Urlaubsansprüche nutzen. Wir haben jetzt ganz aktuell einen innovativen Tarifvertrag und im schlimmsten Fall den Anspruch auf Kurzarbeitergeld.

Die Mitarbeiter von Werkvertragsfirmen können auf nichts dergleichen zurückgreifen. Sie kehren aus einem stillstehenden Land in ihre ebenfalls stillstehende Heimat zurück?

Sähe so ein europäisches Denken und Handeln aus? Wäre so etwas solidarisch?
Ohne die Werkvertragsmitarbeiter werden wir unsere Schiffe nicht fertigstellen können. Was tun wir, wenn wir nach einem kompletten Shut Down alles wieder schnell hochfahren müssen?

Unsere bisherigen Maßnahmen zum Schutz der Menschen:

Der Gesundheitsschutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steht an erster Stelle unserer Überlegungen.
Was haben wir neben dem täglichen sensibilisieren alles getan?

  • Wir entzerrten die Beginnzeiten der Arbeit um Stauungen an den Pforten zu vermeiden. Wie bei den Regeln für den öffentlichen Bereich, sind wir hierbei auf die individuelle Disziplin jedes einzelnen angewiesen.
  • Wir haben die Sozialräume und Kantinen geschlossen um Menschenansammlungen zu vermeiden.
  • Die Möglichkeiten zur Sicherstellung der Hygieneanforderungen wurden aufgestockt.
  • Die Mitarbeiter*innen werden über unsere Homepage informiert.
    Wir verteilen Informationsmaterialen und haben eine entsprechende Plakatkampagne gestartet.
  • Die Führungskräfte werden angehalten die konsequente Einhaltung aller Schutzmaßnahmen absolute Priorität einzuräumen.
  • Die tägliche Arbeitszeit wurde auf einen pausenlosen Block von 6 Stunden reduziert.
    Wie gleichen wir die fehlende Arbeitszeit aus?
    Auf der Werft gibt es verschiedene Zeitkonten.
    Mitarbeiter haben z.B persönliche Arbeitszeitkonten.
    In Vereinbarungen mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft wurde aber auch ein „Arbeitgeberkonto“ eingerichtet. Dieses soll dazu genutzt werden um Schwankungen in der Auslastung auszugleichen. Und aus diesem Konto werden die fehlenden Zeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Corona Arbeitszeit entnommen.
  • Wir haben die anwesende Zahl von Angestellten in der Verwaltung und den Technischen Büros durch Home-Office Lösungen drastisch reduziert.
    Gerade die Technischen Büros müssen jetzt mit Hochdruck weiter arbeiten damit die Produktion nicht im Herbst durch fehlende Konstruktionsunterlagen zum Erliegen kommt. 

Zusammenarbeit mit Behörden und Kommunen:

Wir arbeiten intensiv und sehr gut mit allen verantwortlichen Behörden und Administrationen zusammen. Wir schätzen die Kompetenz dieser Mitarbeiter*innen. Unsere Transparenz und Offenheit werden dort, so nehmen wir es wahr, offenbar sehr wertgeschätzt.

Zusammenfassend:

Wir versuchen als Werft in dieser Krise mit einem sehr hohen Maß an ruhiger, sachgerechter Verantwortung die Gesundheit der Menschen zu schützen.
Unser Ziel ist es auch die wirtschaftlichen Grundlagen unserer Region zu erhalten.
Mich ärgert ungerechte Kritik. Doch wir alle freuen uns aber über die vielen ehrlichen Solidaritätsbekundungen. Wir erleben so viel bewundernswertes Engagement in der Region. Im Rahmen unserer Möglichkeiten versuchen wir auch unseren regionalen Partnern in dieser Krise helfend beizustehen.

Unser Dank gilt allen Menschen die sich auf der Werft unglaublich engagieren und über ihre individuellen Grenzen hinausgehen.
Unser Dank gilt all jenen, die mit uns gemeinsam darüber nachdenken mit welch ungewöhnlichen und neuen Maßnahmen wir diese Krise überstehen. Dieses bewunderungswürdige Engagement und mühselige Arbeit von so vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, von Führungskräften, Management, den Behörden und Verwaltungen in der Region finden sich nicht in den Titelzeilen der Medien wieder, wären es aber wert dort jeden Tag erwähnt zu werden.

Dies vielen positiven Erlebnisse verdrängen die zeitweise krawallige laute Kritik und demonstrieren, wie gut es unsere Werft doch mit unserer Heimat getroffen hat!

 

 

 

 

 

 

Werft mit Verantwortung!

Europa – das erste Corona Opfer!

 

Altes Denken Deutsch.jpg

Was wir bei der Bewältigung der Corona Krise aktuell erleben, hätte sich sicherlich keiner von uns bis vor kurzem vorstellen können.
Anfangs wurden noch Witze gemacht, wenn man hustete oder nieste.
„Pass auf – gleich hast Du mehr Platz um Dich herum.“
Heute bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Die völlige Unplanbarkeit und Ungewissheit der vor uns liegenden Zeit wäre vor einigen Wochen unvorstellbar gewesen.

Urlauber sind vor dem Corona Virus ungerührt in Länder geflogen in denen Freiheit und Demokratie ein Fremdwort, Menschenrechtsverletzungen, Terroranschläge und Krieg an der Tagesordnung waren.
Es betraf ja immer nur die anderen? Heute muss man feststellen, dass alles anders ist. Der Virus und die mit ihm reisende Angst erreicht leider mehr als alle Appelle oder das Gewissen.

Ich empfinde einerseits die Krisenorganisation der Bundesregierung als wohltuend professionell. Gott sei Dank gibt es keinen Parteienstreit. Auch der ansonsten gerne immer mal wieder Dynamik bremsende Föderalismus hält sich hier in Grenzen.

Und doch erkennen wir in brutaler Offenheit den Zerfall staatlicher Gemeinschaften auf europäischer Ebene.

Jedes Land agiert für sich und jeweils anders. Als wenn der Virus sich an der Grenze anmeldet und sich in Deutschland anders verhalten würde als in Italien oder Frankreich. Ich nehme dies schmerzhaft wahr und denke, dass für mich im europäischen Denken und Fühlen nichts mehr so sein wird, wie es war.

Meine Frau und ich lieben das oftmals chaotische aber so warmherzige Italien.
Und ich bin glühender, überzeugter Europäer.
Dass es aber ausgerechnet China war, das als erstes Land dem notleidenden Italien zu Hilfe kam und praktische spürbare Hilfe mit der Lieferung von Atemmasken praktizierte, schmerzt wie in glühender Stahl in meinem europäischem Herzen.

Mein Europa stirbt gerade an Herzversagen in Folge eines Virus von um sich greifendem grassierendem Nationalismus und Egoismus.

Ich habe keine Erklärung dafür, warum die Staatenlenker aus Frankreich, Deutschland, Italien und Österreich es nicht schafften oder es gerade jetzt als nicht notwendig erachteten, GEMEINSAM vor die Kameras zu treten und den europäischen Kampf gegen Corona solidarisch zu bestreiten?

Wenn wir schon zu Beginn der Krise so auseinanderfallen, wie wird es erst dann werden, wenn die Entwicklung voranschreitet?

Mit zugekniffenen Augen schauen wir in eine Zukunft, die wir uns nicht vorstellen können.

Wir begegnen einer neuen Herausforderung leider mit viel zu viel altem Denken und einer völlig überholten Ideologie von Nationalismus und Abgrenzung.

Es geht hier zuallererst um Menschenleben. Und diese Leben in den Ländern unserer europäischen Heimat sind nicht unterschiedlich wichtig.
Wenn nicht bei diesem Thema zum Schutz der Menschen, wo denn sonst wäre Einigkeit, Zusammenschluss und eine gemeinsame europäische Strategie machbar und notwendig gewesen?

Wenn bei dieser ersten Herausforderung schon der nationale Egoismus fröhliche Urstände feiert, wie wollen wir denn die menschlichen, die medizinischen aber auch die unzweifelhaften wirtschaftlich desaströsen Folgen der Corona Krise gemeinsam schultern?

Für mich gibt es als Konsequenz aus all den Geschehnissen der letzten Tage ein Europa vor der Corona Krise und es wird für mich ein Europa nach der Krise geben. Nichts wird in meiner politischen Betrachtung und Bewertung unseres Kontinents jemals wieder so sein, wie es einmal war.

Europa – das erste Corona Opfer!