Ledermenschen

Vor einigen Tagen habe ich einen sehr beeindruckenden Bericht über die Alzheimer Krankheit gelesen. Ich versuchte mir vorzustellen, was eine solche Krankheit für mich bedeuten könnte. Hier der amateurhafte Versuch einer Reflexion.

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Die Sonne wärmt meine Hände. Ich betrachte die alte Haut an den Fingern und die  Altersflecken auf dem Handrücken. Waren die schon lange da?

Wie ein Blatt im Herbst fliegt eine Erinnerung vorbei.

In meinem Heimatdorf gab es einige sehr alte Menschen, die aussahen wie Ledermenschen. Wenn sie außer Hörweite waren, haben wir Dorfjungs uns schon mal lustig über sie gemacht. Die Haut dieser Alten war gefaltet und vernarbt wie meine alte Schultasche.
Die Eltern hatten sie von einem fahrenden Händler gekauft.
Diese Ledertasche war mein ganzer Stolz gewesen.

Wann waren denn meine Hände so alt geworden?

Ein klein wenig hatte es geregnet und ich ziehe den unverwechselbar herrlichen Duft der Birken tief in mich hinein. Dieser begleitet mich schon mein ganzes Leben lang. Es ist der Geruch meiner Heimat. Im Frühjahr Sommer und Herbst öffnen die Düfte der Natur die Schließfächer mit Erinnerungen. Sie haben immer den passenden Schlüssel.

Die Sonne wärmt mein Gesicht. Ich schließe die Augen und fühle mich wohl. Gedämpft durch die saftig grünen Büsche und Bäume kriechen Autogeräusche über den Rasen. Der Mercedes war doch ein tolles Auto – wo stand es jetzt auch noch?

Ach da ist er wieder, der Schmerz von Gedanken die ihr Ziel nicht finden und wie rasende Dämonen von einer Ecke meines Verstandes in die andere rauschen.

Immer wieder entsteht dieser Schmerz, wenn ich Gedanken habe, die keinen Anker mehr haben. Wenn sie wie Sturmwolken, herangetrieben werden. Ich weiß wann die Schmerzen kommen.
Sie sind da, wenn ich an meine Frau denke. Ein Name liegt in meinem Geist wie ein verwitterter Gedenkstein. Ein verschwommenes Gesicht wie der suchende Blick durch ein beschlagenes Fenster. Viele Gefühle branden dann hoch wie eine Sturmsee. Sie sind immer unklar, manchmal sekundenlang beängstigend schön. Lange vergessene Bruchstücke von Erinnerungen, die im Kopf herumfliegen wie eine zerfetzte Gardine im Sturmwind.

Kinderlachen auf dem Rasen. Eine junge Frau Arm in Arm mit einer alten Frau, die mir zuwinkt. Woher kennt sie mich? Meine Söhne spielen auch gerne Fußball – und wieder zuckt der Blitz im Kopf. Wie hießen die Jungs auch noch?

Weg ihr Gedanken, bitte keine rasende schmerzende Suche.
In meiner Hand halte ich ein klobiges Mobiltelefon. Unübersehbar große Tasten mit Ziffern und ein Klebeband mit einer Nummer? Lange schaue ich mir diese Nummer an. Was passiert wohl, wenn ich sie wähle?
Ich glaube, dass ich sehr viele telefoniert habe in meinem Leben. Doch mit wem?
Wie Gespenster bewegen sich Schemen in einem dichten wabernden Nebel.
Ich drücke die Tasten. Laut und deutlich hörbar kommt ein Zeichen aus dem Lautsprecher.

Ich schaue der Familie auf dem Rasen zu. Irgendwie entsteht ein Echo tief in mir drin. Doch ich gebe der Verlockung nicht nach. Blitzschmerzen würden mich quälen.
Weiße Schuhe vor mir. Ein junger Mann schaut mich freundlich an. Ist es nicht wunderschönes Wetter, fragt er.

Jetzt gibt es gleich Tee und Kuchen höre ich ihn, während er die Bremsen des Rollstuhls löst.

Ich glaube, ich hatte ein glückliches Leben. Ich schaue den jungen Mann fragend an. Wollen Sie ihrer Frau und ihren Enkeln dort auf dem Rasen noch einmal zuwinken?
Ich verstehe seine Frage nicht und denke an Tee. Ich kann ihn fast spüren und schmecke köstliches mit Käse belegtes Schwarzbrot auf dem Kartoffelacker. Angenehme wohlige Gedanken. Ich bin Kind auf einem Acker in meinem Heimatdorf.

Ledermenschen

Dieser 1. Mai hat Mut verdient!

Der 1. Mai war für mich viele Jahre ein sehr verplanter Tag.
Der Tag der Arbeit war als Pflichtveranstaltung für einen Gewerkschafter fest im Kalender eingetragen. Anschließend ging es zur Geburtstagsfeier meiner Schwiegermutter, wo leckere Torte auf mich wartete.

Der bevorstehende 1. Mai 2020 wird völlig anders sein als je zuvor. Als Folge der Corona Krise schrumpft die Wirtschaft in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Nach vielen Jahren des fortwährenden wirtschaftlichen Wachstums, schauen wir in den fast vergessenen Abgrund einer brutalen Rezession.
Noch vor wenigen Monaten war annähernde Vollbeschäftigung mehr oder weniger unsere Realität. Wir alle diskutierten intensiv über die Möglichkeiten einer Zuwanderung aus dem Ausland, um unsere Wirtschaft arbeitsfähig zu erhalten.
Und innerhalb von nur wenigen Wochen verhindern jetzt 10 Millionen (!!!) Kurzarbeitsmeldungen eine schnell und stark steigende Arbeitslosigkeit. Unglaublich.

Nach Expertenmeinung werden wir in wenigen Monaten fast 500.000 Beschäftigungen verlieren. Es wird zu Verwerfungen und Strukturveränderungen kommen.

Einige wenige Annahmen zu den Krisenfolgen:

Die Automatisierung und die Digitalisierung werden schnell und stark ansteigen. Sie bekommen durch die Krise einen richtigen Schub.
Virenunanfällige Algorithmen werden die Automatisierung in Dienstleistungssektoren, Callcentern, Servicebereichen und bei administrativen Aufgaben in Verwaltungen vorantreiben.

Die konsequent auf Just in Time ausgerichteten instabilen Lieferketten zeigten ihre extreme Störanfälligkeit. Die fatale Abhängigkeit von tagesgenauer Anlieferung war überall spürbar. Viele dieser Strukturen, Transport und Logistikketten werden sich verändern. Angepasste etwas größere Lagerkapazitäten bedeuten weniger zeitgleiche Transporte auf der Straße. Weniger bzw. entzerrte Logistik bedeutet weniger Logistiker?

Die Anzahl von Reisen zu Konferenzen und Ähnlichem wird abnehmen. Vieles lässt sich mit digitaler Technik bewerkstelligen. Die Home-Office-Zeit hat Grenzen aber auch viele Möglichkeiten aufgezeigt.

Die Schulen werden anfangen darüber nachzudenken, ihre Unterrichtsformen durch Module in einer Mischung zwischen Präsenz und Fernunterricht zu organisieren. Dies wird Auswirkungen auf Bildung, Bildungsstätten und Bildungspersonal haben.

Diese Entwicklungen werden nun viel schneller kommen als gedacht oder manchmal befürchtet. Dies mag im ersten Augenblick dystopisch klingen.
Doch wenn wir es klug und mutig anstellen und die richtigen Schlüsse aus dem Zeitenwechsel ziehen, müssen wir trotz der bevorstehenden Probleme nicht starr vor Angst sein. Wir müssen uns nur entschlossen anpassen.

Leider werden wir Arbeitsstellen verlieren. Hoffentlich nicht zu viele und hoffentlich nicht die falschen! Mit aller Macht werden wir um unsere innovativen Betriebe und um die Arbeitsplätze ringen.
Aber wir sollten diese Zeitenwende auch klug angehen.
Es wird eine neue Arbeitsteilung in der Welt und in Europa geben. 

Unser Handeln in der vor uns liegenden Zeit, sollte nicht von blanker Panik und lähmender Furcht, sondern von der Gewissheit geprägt sein, dass uns trotz der Krise die Arbeit nicht ausgehen muss (wenn wir mutig, außergewöhnlich und entschlossen agieren).

Anpassung und Neustart nach einer Krise verlangen die bewusste Entscheidung für Betriebe, Arbeitsaufgaben, Bereiche und Sektoren, die wir gemeinsam schützen und erhalten wollen. (Dazu gehört nebenbei bemerkt auch die aktuell notleidende Kultur).

Mit allen finanziellen Konsequenzen werden wir politisch entscheiden müssen, was an Leistungen für uns als Gesellschaft sozialpolitisch wichtig sind (und nicht nur in Krisenzeiten applaudieren).

Wir werden prüfen müssen, ob und wie wir in einer sich neu formierenden internationalen Arbeitsteilung in unserem Land einfachste Arbeiten aufrecht erhalten können oder müssen. Es wird dabei auch Tätigkeiten geben die zukünftig an anderen Orten oder von anderen Menschen durchgeführt werden.
Bei diesen Strukturveränderungen stellt sich die Frage nach dem bedingungslosen Grundeinkommen völlig neu und sehr drängend! 

Angesichts der vielen Unsicherheiten und wirtschaftlichen Hiobsbotschaften zögere ich ehrlicherweise auch etwas bei folgendem Satz:

Später als gedacht, werden uns dennoch (!!) die Arbeitskräfte ausgehen.

Die Daten aus den demographischen Entwicklungen und ihre Folgen sind nicht mehr beeinflussbare Entwicklungen.

Die Frage ist, ob die aktuelle Krise uns veranlasst, den so lange verschlafenen Sprung in eine neue, eine andere Arbeitswelt zu wagen?
Diese neue Arbeitswelt wird völlig anders aussehen als jene, in der wir es uns so viele Jahre gemütlich gemacht haben.

Das sind sicherlich provokante und herausfordernden aber auch lohnende Fragen in einer Krisenzeit.
Und ein so außergewöhnlicher 1.Mai 2020 hat etwas Querdenken verdient, oder?

Dieser 1. Mai hat Mut verdient!

Wenn man sie am Schwanz anfasst ….

Gestern habe ich einen Brief geschrieben, dessen Inhalt für mich eigentlich unmissverständlich war. Weil der Empfänger irritiert nachfragte, habe ich die Zeilen noch einmal gelesen. Und tatsächlich, wenn ich nicht gewusst hätte was mich zu dem Text veranlasste, bei mir wären auch Fragen entstanden.
So ist es oft bei der Kommunikation, wenn man vergisst die mögliche Perspektive oder das Wissen des Gegenüber zu berücksichtigen.

Das erinnert mich an eine kleine Geschichte, die mir vor einigen Jahrzehnten von unserem damaligen Senior Chef geschildert wurde.

Auf der Alten Werft wurden in den Pausen allerlei Verkäufe getätigt. Ich habe damals auch Kartoffeln, günstige Butter, selbstgemachten Honig und geräucherten Aal mit nach Hause genommen.

Dann und wann wurden auch frische Makrelen verkauft. Der Verkaufsort war, ich erinnere mich noch gut daran, ein altes Betonfundament am Hafenbecken. Einer der Arbeitskollegen hatte als Verkäufer aber ganz offensichtlich die Haltbarkeit der Fische deutlich überschätzt. Vielleicht wollte er seinen Restposten auch einfach noch verkaufen.
Tags darauf lag im Postkasten des Verwaltungsgebäudes ein Brief.
Laut Herrn Meyer war dieser Brief adressiert an
„Chef Herrn Meyer“.

Im Umschlag ein handgeschriebener Beschwerdebrief, der folgendermaßen begonnen hatte:
Herr Meyer, sie stinken. Wenn man sie am Schwanz anfasst, dann fallen sie auseinander …..“
Aus den folgenden Zeilen sei zwar die Beschwerde über einen unredlichen Umgang durch einen Kollegen sichtbar geworden. Aber erst durch Nachfragen und Recherche wurde deutlich, dass der Briefeschreiber sich über die vergammelten Makrelen, die schon beim Auspacken auseinanderfielen, beschweren wollte.

Fazit:
Der Motor von Kommunikation können auch Missverständnisse sein 🙂

Wenn man sie am Schwanz anfasst ….

Spieglein – Spieglein

Ein Blick in den Spiegel am heutigen Morgen.
Ringe unter den Augen.
Home-Office in der, ich rätsel gerade, wievielten Woche?
Lange Tage. Tage voller intensiver Gespräche, tiefer Nachdenklichkeit, sorgenvoller Überlegungen für alle nur denkbaren Entwicklungen.

Die Gedanken und Träume in der Nacht drehen sich wie in einem Karussell um immer dieselben Dinge. Die so plötzliche entstandene dramatische Situation der Werft.
Die möglichen Folgen, die sich in brutalen Zahlen darstellen, aber sich für mich immer sofort zu Gesichtern, Namen,  Menschen wandeln.

Die Werft dominierte den größten Teil meines Lebens. Nie war es einfach, selbstverständlich oder eindeutig wie der Weg sein würde. Doch wenn es gut lief und das war Gott sei Dank oft der Fall, dann bekamen Menschen Arbeit.
Tolle Arbeit. Sichere Arbeit.

Einige Krisen habe ich mitgemacht und diese nie vergessen. In unterschiedlichen Rollen erlebte ich, was es bedeutet, wenn Menschen ihre Arbeit verlieren. Nichts ist schlimmer. Lass das nicht an Dich herankommen – ein Tipp aus den vielen Ratgeberbüchern.
Nur wer kann oder wer will diese Distanz wahren?

Schwere Krisen und ihre Folgen für die Menschen führen zu Verletzungen.
Bei den Menschen die betroffen sind und auch bei denen die darüber entscheiden.
Ich hatte mir geschworen so etwas nie wieder erleben zu wollen.

Und jetzt sorgt so ein Scheiß Virus (Entschuldigung) und seine schlimmen Folgen für die Werft dafür, dass die tief vergrabenen Erinnerungen an vorherige Krisen, wie Monster plötzlich wieder in meinen Gedanken herumgeistern.

Man sagt, dass man in zunehmenden Alter gelassener wird. Dies mag so sein. Doch was die Werft und die Arbeitsplätze der Menschen angeht, gibt es da bei mir wohl irgendwie einen Konstruktionsfehler? Es trifft mich in´s Mark.

Hoffentlich besitzen wir alle, die in Verantwortung stehen, so viel Phantasie, Kraft und Entschlossenheit um die Werft mit aller Macht zu schützen und damit möglichst viele Arbeitsplätze.
Aufgeben das macht man nur mit einem Brief in der Post. Was wir heute in der Wirtschaft an Betrieben aufgeben, ist auf lange Zeit, wenn nicht sogar für immer verloren. Wir müssen uns den Veränderungen dieser Zeit stellen und sie bewältigen.

Wie sagte Charles Darwin:
„Es ist nicht immer die stärkste Spezies, die überlebt, auch nicht die intelligenteste, sondern diejenige; die am besten auf Veränderungen reagiert!“

So – jetzt geht es in die nächsten Telefonkonferenzen. Mal schauen wie das Spiegelbild morgen aussieht.

Spieglein – Spieglein

Vorsicht vor Erfahrungen

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Gestern hatte mein jüngstes Enkelkind Geburtstag.
Als Großeltern auf Umarmungen, auf Knuddeln und auf Nähe zu verzichten ist schlimm. Meine Frau und ich verhalten uns sehr konsequent.
Doch immer wieder schleicht sich dieselbe Frage heran.

Wie lange noch?

Die sozialen und wirtschaftlich verheerenden Auswirkungen dieser Pandemie sind noch nicht abzusehen. Unser Land und die Gesellschaft werden nach dieser Epidemie anders sein.  Wann und wie werden wir dies spüren und diskutieren?

Noch nie in meinem Leben habe ich so intensiv epidemiologische Modelle verinnerlicht. Orientieren wir uns an den Kurven die allabendlich über die Fernsehschirme fließen, so könnten wir trotz des tragischen hohen Blutzolls dieser Epidemie fast aufatmen.
Wir hätten das gröbste dann fast hinter uns.
Und fast überall entsprechen die Kurven den eingeschlagenen Wegen. Jene die streng waren, haben abflachende Kurven. Die, die dem Leichtsinn, der Dummheit oder Ignoranz verfielen registrieren stark steigende Zahlen.
Die Annahmen stimmen also?! 

Italien, Spanien, New York, die Hotspots der Katastrophe kommen langsam auf den Weg zurück in eine neue „Normalität“.
So soll es sein, weil wir es uns alle so sehr wünschen.

Doch wie immer, wenn ich mir nicht so ganz sicher bin – dafür gibt es doch Bücher – yeah!

Und so verschlinge ich seit Samstag mit zunehmender Ernüchterung das lesenswerte Buch von Laura Spinney
„1918 Die Welt im Fieber“ Wie die spanische Grippe die Gesellschaft veränderte.
Die Entwicklungen zwischen Viren und ihren Wirten ist eine faszinierende, wenn auch gruselige gemeinsame Geschichte.
In dem Buch von Laura Spinney wird der Verlauf der Spanischen Grippe exemplarisch beschrieben. Diese Pandemie kostete mehr Menschenleben als der erste und zweite Weltkrieg zusammen.

Kriegsfolgen werden manchmal über Generationen im kollektiven Gedächtnis bewahrt. Solche Krankheiten kaum.

Die ersten Überlieferungen von Pandemien stammen aus den Jahren 412 v.Chr. in Griechenland (Perinther Husten/ wahrscheinlich Influenza) sowie eine Pockenepidemie in Athen. Geschichtsschreiber berichten von Leichenbergen in den Athener Tempeln.

Auch diese Epidemie trat in mindestens 3 Wellen (430/ 429 und 426 v.Chr) auf. Ebenso der „Schwarze Tod“, die Beulen und die Lungenpest im Mittelalter. Sie schlugen zu, wurden kurzzeitig schwächer um danach umso brutaler nachzutreten. 

Ich habe gelernt, dass fast alle großen Pandemien in unserer Geschichte in Wellen verlaufen sind.

Doch zurück zur spanischen Grippe. Der erste Krankheitsbefall in den Vereinigten Staaten ist für den 04. März 1918 notiert. 500 Millionen Menschen wurden infiziert und bis zum März 1920 tötete die Grippe zwischen 50 – 100 Millionen Menschen. Nach dem ersten Aufflackern der Grippe überschwemmte eine zweite Welle von Oktober 1918 an die Welt. Und im Januar 1919 entstand eine dritte Welle.
Die mit Abstand meisten Toten waren in der zweiten Welle zu verzeichnen.

In gleicher Weise traten die Epidemien von 1957 bis 1960 auf. Als erstes erwischte es Hongkong, dann die Vereinigten Staaten.
Und wieder waren die meisten Toten in der zweiten und dritten Welle zu finden.

Es wird viel über die berühmte Herdenimmunität philosophiert.
Doch die Erkenntnisse aus der Historie zeigen, wie schwer eine solche massenhafte Immunität (so eine solche überhaupt entsteht) zu erreichen ist. Es ist auf der Grundlage der historischen Erfahrungen nahezu unvorstellbar das die aktuellen Lockerungen bei dem Corona Virus nicht zu einer zweiten Welle heranwachsen. Und ich verstehe die Sorgen der Bundeskanzlerin über die vielfachen Lockerungen. Sie als Wissenschaftlerin weiß um diese historischen Erfahrungen.

Was könnte eine solche Entwicklung abschwächen. Warmes Wetter? Die historischen  Wellenförmigen  Epidemien zeigten sich ziemlich unbeeindruckt vom Wetter. Wieso sollte dieses Virus aus einer so uralten Familie anders sein?
Doch auch dann wenn der Sommer eine Rolle spielt, was wäre, wenn die Kopie der alten Ereignisse aufgelegt wird und sich eine zweite Welle mit der saisonalen Grippe im Herbst verbündet?

Ich bin in den letzten Tagen immer nachdenklicher geworden. Was würde ein solches Szenario, ein zweiter Einschlag, eine neuer Lockdown bedeuten? Politisch, wirtschaftlich, kulturell? Wie soll eine hochtourige Gesellschaft wie wir eine sind, dies überstehen?

Unser Wunschfokus ist so sehr auf die Abflachung der Kurve, auf Normalität ausgerichtet. Ich wünschte mir dies auch.
Doch was wäre, wenn Geschichte sich wiederholen würde? Wir vergessen immer öfter das es auch andere Kurven geben könnte.
Die Lektüre von Laura Spinneys Buch zeigt deutlich, dass nach den sich jetzt wieder füllenden Fußgängerzonen auch eine andere Frage entstehen könnte.
Die könnte lauten:

Gibt es eine zweite Welle wie bei allen großen Pandemien?
Wie groß wird sie sein?
Wird ihr noch eine dritte Welle folgen?

Ich bin sehr nachdenklich …..

Vorsicht vor Erfahrungen

Starr vor Angst in der Antonov…

Heute sprachen wir darüber wie wenig Flugzeuge doch aktuell am Himmel zu sehen sind. Dies inspirierte mich, ein Erlebnis in Russland zu schildern!

Als Sonderbeauftragter für die Neptun Industrie in Rostock, hatte ich mich sehr auf den Termin im Spätsommer 1998 in Moskau gefreut.

Im Schlepptau von Ulrike Bohnenkamp, der beeindruckenden Powerfrau aus Bremen, war ich zu einem 3-tägigen Austausch mit russischen Wirtschaftsvertretern und Politikern eingeladen.
Wir hatten die Chance, eine Diskussion über mögliche Kooperationen oder vielleicht sogar kleinere Aufträge zu führen. Ulrike Bohnenkamp und ihre Firma AgS, betreuten zusammen mit einem Kooperationspartner aus Schwerin, Belegschaften ostdeutscher Betriebe. So viele hatten seit der Grenzöffnung ihre alten Auftraggeber verloren und keine neuen hinzugewonnen.

Doch schon unmittelbar nach der Landung in Moskau zerstob die Hoffnung auf eine Stadtbesichtigung der russischen Metropole mit einem einzigen Anruf.
Die Treuhandanstalt hatte zu einem kurzfristigen Termin am darauffolgenden Tag geladen. Und ein Meeting mit der rigiden Treuhandanstalt Chefin B.Breuel hatte man wahrzunehmen.
Meine Stunden in Moskau waren also begrenzt.
Ich war ärgerlich über die verpasste Gelegenheit zur Erkundung dieser imposanten Stadt. Der Frust steigerte sich stündlich durch die unvermeidlichen, zähen und zeitraubenden Vorstellungsrunden.

Eine freundliche ältere Dolmetscherin unterstützte mich bei den Bemühungen zur Buchung eines Rückflugs nach Berlin am nächsten Tag.

Für diesen Transfer war ich gezwungen, sowohl Fluggesellschaft als auch den Flughafen zu wechseln. Der Abflug sollte am Vormittag des darauffolgenden Tages von einem der ältesten Flughäfen in Moskau, vom Flugfeld Bykowo stattfinden.

Nach einer etwas holprigen Identifikation im Flughafengebäude gelangte ich mit einer Gruppe von ca. 45 Passagieren durch eine halbseitig klemmende Glastür und mit einem Slalom durch Gepäckpyramiden zum wartenden Flugzeug. Meine Freude über die gelungene Umbuchung war bei dem Anblick der Maschine schlagartig verschwunden.
Vor mir stand eine Propellermaschine sichtbar älteren Datums.
Wie ich später recherchierte, handelte es sich um eine schon in die Jahre gekommene Antonow AN 24.

Zwei freundliche, uniformierte Stewardessen empfingen uns beim Einstieg. Meine Mitreisenden waren ausnahmslos Einheimische. Viele Geschäftsleute in ihren Anzügen und nur mit kleinem Handgepäck ausgestattet.
Den Geruch in der Flugzeugzelle vergesse ich nicht wieder. Neben dem typischen kalten Zigarettengestank waberte eine irrwitzige Horrormischung aufdringlicher Parfüms durch die enge Röhre.
Neben mir wühlte sich ein schwitzender, reichlich übergewichtiger älterer Vertretertyp in seinen Sitz. Ich hatte einen Fensterplatz und saß auf der Backbordseite direkt unter dem Flügel. Denn die Antonov hatte sogenannte Huckepack Flügel. Diese saßen quasi oben auf dem Rücken des Flugzeugs. Die Spitzen der Propeller befanden sich etwa eine Armlänge von meinem Bullauge entfernt.

Alles drängelte zu den Sitzen. Fluchend wurden nicht passende Handgepäckteile passend gemacht. Und schon starteten die Motoren. Vibrierend, sich etwas schüttelnd und klappernd bewegte sich die Maschine. Eine der Stewardessen wies durch eine kaum zu verstehende Lautsprecheranlage höchstwahrscheinlich auf zu beachtende Sicherheitseinrichtungen hin. Doch keiner hörte ihr zu. Was musste das für eine frustrierende Aufgabe sein?

Langsam rollten wir in Richtung unserer Startposition an den Gebäuden entlang. Meine anfängliche Aufregung wich langsam. Doch genau auf der Höhe eines offenen Flugzeughangars passierte es.
Es knallte laut neben mir, der Motor stieß eine schwarze stinkende Rauchwolke aus und fing an zu husten wie ein Raucher nach 100 Jahren Nikotinsucht.
„So – das war es dann mit dem Treuhandtermin“, so mein erster Gedanke. Die Hand schwebte über dem Gurt. Diesen müssten wir ja sicherlich sogleich lösen. Dieser Flug war vorbei.

Eine russische Durchsage kam von vorne. Wütende, protestierende Rufe waren die Antwort. Ein Geschäftsreisender stand auf und schimpfte laut in Richtung der Stewardessen. Durch die offene Cockpittür konnte man die zwei Piloten in ihren weißen Hemden wild auf ihren Armaturen hantieren sehen.
Wieder gab es eine russische Ansage.

Zufriedenheit machte sich breit. Die erbosten Passagiere setzen sich hin, nahmen ihre Zeitung und lasen weiter. Mein Nachbar machte keinerlei Anstalten sich von seinem Sitz zu erheben und versank schwer schnaufend in seinen Papieren.

Ich nahm aus dem Augenwinkel ein Fahrzeug wahr. Eine fahrbare Hydraulikbühne fuhr direkt neben meinem Bullauge unter den mittlerweile stehenden Backbordmotor. Natürlich war es Einbildung, dass ich die Geräusche des Akkuschraubers hören konnte, den einer der beiden Schlosser betätigte.
Die Hydraulikbühne hatte die beiden so hochgefahren, dass diese die Motorverschalung öffnen konnten. Es kam sodann ein schwerer Schlosserhammer zum Vorschein. Die ältere der beiden schlug einige Male kräftig auf irgendein Bauteil im Motor, nahm eine Spraydose und spritze etwas in die gut zu sehenden Bauteile. Es wurde ein Kabel an den Motor gelegt und der Hydraulikwagen fuhr einige Meter zurück.
Ich sah den erhobenen Monteursdaumen. Der Motor wurde gestartet.
Anfangs hustend, wieder eine dicke schwarze Rauchwolke ausstoßend, steigerte dieser  dann doch seine Umdrehungen und lief anschließend ruhig und rund.

Der Motor wurde wieder in den Leerlauf gestellt. Der Propeller stoppte, der Hydraulikwagen kam zurück, mit dem Akkuschrauber wurden die Blechschrauben wieder in die Verschalung gedreht. Die Bühne senkte sich ab und die beiden Monteure verschwanden aus meinem Blickfeld.

Ein ungläubiger Blick um mich herum bestätigte mir, dass ich offenbar der einzige war, der diesen ganzen Vorgang nicht glauben konnte.

Der Backbordmotor sprang wieder an, sich fröhlich laut schüttelnd, die Luft wurde brüllend geschaufelt und nur wenige Minuten später schwang sich die Antonow mit uns in die Luft, als wenn nie etwas gewesen wäre.

Es war eine ewig anmutende Flugzeit bis Berlin. Keine Minute konnte ich den Blick von dem Motor abwenden. Jeden Augenblick erwartete ich Funken, Feuer oder schwarzen Qualm. Ich war völlig fertig in Berlin und habe den Inhalt des folgenden Treuhandtermins auch völlig vergessen.
Um meine Frau nicht unnötig über solcherlei Reisen zu beunruhigen, habe ich dieses Flugerlebnis erst sehr viel später gebeichtet.

An dieses eindrückliche Erlebnis pragmatischer Problemlösung in Russland erinnert mich immer wieder die Szene aus dem Film Armageddon. Die beiden amerikanischen Space Shuttle nehmen auf ihrem Weg zum Asteroiden, der die Erde zu vernichten droht, einen russischen Kosmonauten von der Raumstation MIR auf. Zum dramatischen Ende des Films, muss das einzig noch funktionsfähige Space Shuttle vom Asteroiden starten. Doch ein streikender Computer verhindert den Start der Triebwerke. Der russische Kosmonaut behebt diese Probleme auf typische Weise. Unter den entsetzten Augen seiner amerikanischen Kollegin bearbeitet er mit dem Hammer den Startcomputer.  Nach einigen gezielten Schlägen auf die vermaledeite Elektronik startet das Shuttle.

Den Blick der Astronautin im besagten Film den kenne ich.
Meine Mimik in Moskau Bykowo wird ganz ähnlich gewesen sein.

Starr vor Angst in der Antonov…

Unvernunft ist ja so sexy?

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Ein etwas bitterer und sarkastischer Beitrag – Entschuldigung!

Immer wieder frage ich mich, wie es sein kann, dass unvernünftige Charaktere so viele andere Menschen beeinflussen und manchmal ins Verderben führen können.

Ich grusele mich über Autokraten wie Trump, Erdogan, Orban, Putin, Duarte, Xi Jinping oder Bolsanaro in Brasilien. Was für eine Ansammlung von narzisstischen, engstirnigen, gefährlichen aber leider auch gewählten Menschen.

Die ruhige unaufgeregte Sachlichkeit unserer politischen Führung hebt sich von diesem Treiben wohltuend ab. 

Doch auch abseits der großen Politik trifft man häufig auf schlimme Unvernunft.
Sie findet sich in gesellschaftlichen Strukturen, in Verbänden und leider auch in  Betrieben.

Und es ist bedauerlich, wie erfolgreich fehlende Weitsicht, Weisheit und Verantwortung versteckt werden können. Wie durch die geschickte und entschlossene Nutzung moderner Massenkommunikationsmittel, unverantwortliches Handeln übertüncht wird. Fatale Fehleinschätzungen großer Krisen, fehlendes Wissen und mangelnde Kompetenz werden weggepostet, weggetwittert  und weggebrabbelt.
Und die populären, weil einfachen Botschaften der unvernünftigen Menschen, wirken gerade mit Hilfe der neuen Medien wie Brandbeschleuniger.

Die kleineren und größeren Populisten haben eines gemeinsam. Sie handeln fast alle irgendwie auf dieselbe Art und Weise. Manchmal denke ich, – als wenn sie ein Rezeptbuch für Unvernunft hätten.

Ein Problem, eine Herausforderungen, eine Gefahr taucht auf? Ein diplomatischer Konflikt, ein Virus oder wirtschaftliche Verwerfungen ….

Tips aus dem Rezeptbuch für Unvernunft und Populismus:

  1. Komplexität ist blöd und schlecht zum Kommunizieren oder mobilisieren.
    Deshalb halte Dich nicht mit einem tiefen Eintauchen in die Themen auf.
    Das verwirrt Dich und Deine Anhänger nur.

  2. Spiele auf der Klaviatur der Gefühle!
    Wut, Angst, Misstrauen – alles ist gut für Deine Sache.

  3. Spalte wo Du nur kannst.
    Halte Dich nicht mit differenzierenden Bewertungen oder Details auf.
    Konstruiere Gegensätze und spiele Vorurteile aus.
    Die Eliten, die da oben, gegen die „kleinen Leute“.
    Politiker gegen das einfache Volk.
    Das Ausland gegen das eigene Volk. 
    Mainstreammedien gegen Volksjournalismus auf Facebook und Co.
    Unternehmer gegen Arbeitnehmer. 
    Fremde und Arbeitsmigranten gegen Stammbelegschaften.
    Du wirst Dich wundern wie einfach das klappt.

  4. Nutze Dein aggressives populistisches Potenzial!
    Wiederhole Deine politischen Glaubensbekenntnisse  immer und immer wieder.
    Du wirst erleben das die Fakten irgendwann keine Rolle mehr spielen.
    Und Deine Gegner scheuen sich vor dieser Form der politischen „Kriegsführung“. Du bist ziemlich sicher allein auf diesem Schlachtfeld.

  5. Konstruiere stets und immer wieder einen Feind, einen Gegner, gegen dessen dunkle Machenschaften nur Du schützen kannst.
    Baue mutmaßliche Bedrohungen auf.
    Nutze Gerüchte und Verdächtigungen.
    Streue und entwickle diese dort, wo vielleicht noch keine sind.
    Philosophiere offen über die möglichen Ziele der Gegenseite.
    Zwinge die Gegenseite zur Antwort auf Deine Thesen. Setze Dich nicht inhaltlich mit Argumenten auseinander. Lass einfach das Gift des Zweifels wirken.
    Damit kannst Du nur gewinnen.

  6. Fordere immer von anderen Konzepte.
    Vermeide aber eigene konkrete Vorschläge. Diese schaden Dir im Zweifel.
    Wenn Du Vorschläge machen musst, gestalte diese so, dass sie abgelehnt werden.
    Dann kannst Du auf Uneinsichtigkeit der Gegenseite verweisen.
    Provoziere Angriffe. Damit bist Du Märtyrer und opferst Dich für Deine Anhänger.
    Arbeit nie an der konkreten der Umsetzung von Maßnahmen – denn dann bist Du mitverantwortlich für die Folgen und kannst nicht mehr angreifen.

  7. Nutzen Deine Worte als Waffe!
    Greife an, sähe Misstrauen, ziehe alles in Zweifel, kritisiere und personalisiere wo es gerade geht.
    Propagiere eine geschlossene Identität!
    Wir für uns und gegen andere! Wer will da noch ausbrechen? Wer ist Verräter?

  8. Zeige durch dauernde Aggressivität das Du keinen Spaß verstehst.
    Humor und Gelassenheit sind Deine gefährlichsten Feinde.

  9. Nutze jede Gelegenheit, um Massen zu mobilisieren.
    Lasse diese nicht zum Nachdenken kommen.
    Halte Sie immer in Bewegung!
    Mach aus der Krise eine Show. Bespiele alle Kanäle.

  10. Wahrheit und Fakten sind relativ. Lass dich durch sie nicht verwirren.

Und jetzt tief durchatmen!

Macht Euch mal den Spaß, nehmt einige politische, kulturelle oder betriebliche Themen der letzten Monate, und legt diese 10 Punkte als Checkliste daneben. Ihr werdet überrascht sein wie viele Übereinstimmungen ihr finden werdet.
Und es ist ein sehr gutes Mittel zur Demaskierung von Unvernunft!

In unserer Empörungskultur überhöhen die unvernünftigen Menschen jeden Konflikt und laden diese moralisch auf. Man zieht also quasi immer wieder in Glaubenskriege.
Und wie bei richtigen Kriegen sind die ersten Opfer dabei stets die abwägende Sachlichkeit und die Wahrheit.

Völker, Medien, Verwaltungen, Gruppen oder Belegschaften, die auf die Rezepte von unvernünftigen Menschen hereinfallen, erkennen diese Strategie leider oft zu spät.

Keine noch so rhetorische Rede, keine Twittermeldung, kein Posting oder was sonst auch immer, haben bisher jemals auch nur eine einzige große Herausforderung nachhaltig gelöst. Kleinere und größere Populisten haben immer nur sich selber und ihre Machtstrukturen im Blick. Deshalb können sie auch nicht ergebnisoffen und differenziert auf die Zukunft schauen und Lösungen suchen. Es könnte ja sein, dass die Rezepte aus der Checkliste  dort möglicherweise nicht mehr so gut funktionieren?

Es ist tragisch wie wenig die unvernünftigen Menschen in diesen dramatischen Zeiten in der Lage sind, die notwendigen Koalitionen zu bilden. Sie haben ihre gedanklichen und ideologischen Gefängnismauern unüberwindlich hoch gebaut. Es kommt keiner mehr zu ihnen herein, aber sie auch nicht mehr heraus. 

Auf fast alles was wichtig für die Zukunft ist, reagieren unvernünftige Menschen zu spät und oft falsch. Sie sind damit ein wahres Unglück für ganze Staatswesen, in den Gesellschaften, den Verbänden, Gremien und Betrieben.

In der Politik kostet die Unvernunft oft sogar Menschenleben. Unvernünftige Populisten führen ganze Gesellschaften moralisch, soziologisch und ökonomisch an und in den Abgrund.
In Kommunen und Betrieben gefährdet dies gerade in Krisenzeiten Zukunft und Arbeitsplätze.

 

Unvernunft ist ja so sexy?

Was ich vermisse …

Man lernt den vollen Wert eines Menschen erst schätzen, wenn man das Anrecht auf ihn verloren hat.
Dieses Zitat von Wilhelm Vogel ist vielleicht etwas drastisch, aber irgendwie trifft es auch meine Wahrnehmung der heutigen etwas surrealen Zeit?!

Viele Dinge die ich bisher als selbstverständlich wahrgenommen habe, sind dies heute nicht mehr. Ich lerne Ereignisse, meine Umgebung, mir wichtige Menschen mehr als bisher zu schätzen, entdecke sie neu. 

Die Welt wird nach Corona eine andere sein. Darin sind wir uns alle einig. Doch was wird anders sein? 

Ich vermisse schmerzlich die vorher so selbstverständliche Nähe zu den eigenen Kindern. Wie doch eine manchmal auch nur kurze Umarmung fehlen kann.  Wie die Enkel mit ihrer unstillbaren Sucht nach jederzeitiger Aufmerksamkeit fehlen können.
Die Zeit mit nahen Menschen ist ein unwiederbringliches Gut und durch nichts zu ersetzen.
Jedes gute Gefühl von Nähe und Wärme und damit Glück, auf das wir heute verzichten müssen ist unrettbar verloren. Diese verlorene Distanzzeit kehrt nicht wieder, versinkt in der Unendlichkeit. 

Der Tod meines Vaters hat in meinem Leben einen tiefen Riss hinterlassen. Die endliche, die uns geschenkte begrenzte Zeit wurde in einer überwältigenden Art schmerzhaft spürbar, greifbar und konkret.

Die Mutter als letztes Brückenteil zwischen dem früheren Dasein als Kind und dem jetzigem erwachsenem Leben, sie gehört zur absoluten Risikogruppe. Distanz zu wahren, unwiderbringliche Zeit zu verlieren, sie und andere zu schützen durch Trennung, durch Distanz – kann es Schlimmeres geben? 

Heute kam eines meiner Enkelkinder kurz ins Haus gelaufen. Ein kleines Ostergeschenk für Oma und Opa in der Hand. Die Worte seiner Mutter im Ohr, auf die ansonsten stürmische Umarmung zu verzichten. Abstand wahrend. So ein lieber, disziplinierter kleiner Mensch. 

Und wisst ihr, was mich plötzlich umtrieb? 

Der Schmerz in meinem Herzen wuchs ins Unermessliche als ich an all die Kinder, an die Eltern, an die Großeltern dachte, die überall auf der Welt dieses Erleben von Distanz zu ihren Lieben dauerhaft aushalten müssen. Auf der Flucht, getrennt oder als Waisen völlig alleine. Für uns wird die Zeit der Distanz hoffentlich bald zu einem Ende kommen.

Die Welt nach Corona wird nicht mehr dieselbe sein wie vorher?
Was nehmen wir mit an Erinnerungen. Lassen wir zu das unsere Erkenntnisse uns verändern?

Was ich vermisse …

Es ist doch nur 1 Kuh ?

In einem Telefonat am heutigen Tag drehte sich das Gespräch um Regeln und vorbildhaftes Verhalten.
Entzündet hatte sich die Diskussion an dem individuellen Verhalten vieler Menschen in Zeiten von Corona.
Ich hatte mich sehr darüber geärgert, wie oft die für uns alle geltenden Regeln doch ganz offensichtlich als lose Empfehlung übersetzt würden.
Mein Gegenüber war etwas irritiert über meine Rigidität in dieser Frage. Es wäre doch nicht so schlimm, wenn einzelne sich nicht an die Vorgaben hielten. Die Mehrheit wäre doch entscheidend? Er sprach damit das allgemeine Empfinden aus. Meinen Vorwurf des unethischen Verhaltens bei dem einzelnen Verstoß konnte er nicht nachvollziehen.

Um ihm meine Gedanken zu verdeutlichen habe ihm dann die Geschichte mit der 101 Kuh erzählt.

Es war einmal ein Dorf in den Bergen. Diese Gemeinde besaß eine kleine aber sehr fruchtbare Alm. Jeden Morgen wurden die Kühe der Dorfbewohner auf diese kleine Bergwiese getrieben. Es war vereinbart, dass jede der 100 Familien jeweils eine Kuh hinaufbringen durfte.
Diese Regel funktionierte über eine sehr lange Zeit. Doch eines Morgens bemerkte ein Bauer das sein Nachbar heimlich eine zweite Kuh in die Herde schmuggelte. Er konnte es kaum glauben. Doch auch am nächsten Morgen beobachtete er dasselbe Verhalten. Zuerst war er unglaublich wütend.
Doch dann sagte er sich, das es doch auch für ihn von Vorteil wäre, wenn zwei seiner Kühe die saftigen Gräser und Kräuter der Bergwiese fressen konnten. Also tat er es seinem Nachbarn gleich.
Doch natürlich blieb auch dies nicht unbemerkt. Nach und nach wuchs die morgendliche Herde an. Die kleine Alm ertrug die Last bald nicht mehr. Die Wiese wurde kraftlos, Kräuter wuchsen nicht mehr nach. Bald mussten die Bauern ihre Kühe auf eine fremde Alm treiben. Dort zahlten sie von ihrem kargen Einkommen auch noch Pacht. 100 Kühe hatte die Alm ernähren können. Mehr nicht.
Wo begann jetzt das unethische, das verwerfliche Verhalten. Begann es bei Kuh Nr. 105, 110 oder 150?
Nein. Das Unglück begann bei der 101 Kuh. Der erste Verstoß war der Beginn eines unethischen Verhaltens.
Diese erste Kuh brachte ein System zum Einsturz dessen Basis auf Ehrlichkeit, Anständigkeit und gegenseitigem Vertrauen aufbaute.
Ein einzelner der sich egoistisch verhält und Regeln unterwandert, kann also ein ganzes System zusammenbrechen lassen.
Aus diesem Grund ist der kleine individuelle augenzwinkernde Verstoß fast der schlimmste!

Nachdenklich beendeten wir das Gespräch.
Solltet Ihr Euch dieser Sicht annähern können, was würde dies in einer Vielzahl täglicher Erfahrungen bedeuten?
Ein anspruchsvoller Gedankensplitter mit Sprengkraft – meint Ihr nicht auch?

Es ist doch nur 1 Kuh ?

Die Zukunft der Vergangenheit

Wer einen Betrieb erfolgversprechend verteidigen will, muss ihn verteidigungswürdig machen.

Dieser Satz aus einem meiner alten Vorträge an der Technischen Universität Berlin fiel mir heute Abend in die Hände.

Verursacht durch den Corona Virus rollt ein wirtschaftlicher Tsunami mit ungeheurer Wucht auf uns alle zu.
Die Vorbereitungen auf den bevorstehenden Einschlag nehmen die Tage und Abende ein. So viele Betriebe werden Schaden nehmen.
So viele Menschen ihre Arbeit möglicherweise verlieren.

In vielen Diskussionen um den Stellenwert der Industrie hatte man es bis vor einigen Monaten nicht leicht. Anderes schien erstrebenswerter, schicker, zukunftsträchtiger.
Die produzierende Industrie bildet zwar gemeinsam mit dem Handwerk die Grundlage für unseren Wohlstand.
Dennoch mussten viele traditionelle Industriebereiche ihre pure Existenz in vielen Debatten immer wieder verteidigen. Obwohl ununterbrochene Innovationen stattfinden und modernste Technologien zum Einsatz kommen, war man oft in der Defensive.

Brauchen wird diese alten Industrien überhaupt noch in einer modernen Gesellschaft? Fragen, die sehr oft gestellt wurden.

Ein sicherer Arbeitsplatz mit regelmäßigem Einkommen war in meiner Jugend wie ein Lottogewinn. Stimmte dann auch noch das Arbeitsklima und die Kollegialität war alles noch viel besser.
Unsere prächtigen Schiffe, die wir im Team erschufen und auf die Weltmeere brachten, erfüllten uns mit großem Stolz.
Mit Herzblut wurde für die Werft in den vielen Krisen ihrer Geschichte gekämpft.
Es gab so viel mehr zu verteidigen als nur die Arbeitsstelle, an der man sein Geld verdiente.

Und diese Werft ist trotz oder gerade wegen ihrer tiefgreifenden Veränderungen immer noch etwas Besonderes. Innovationen und zahllose maritime technische Revolutionen haben ihren Heimathafen in Papenburg. Unzählige junge Menschen wurden ausgebildet und fanden danach Zukunft und Perspektive auf der Werft.
Wirtschaftliche Kraft floss in unsere Heimat.

Durch die Corona Krise werden ganze Märkte in kürzester Zeit quasi von links auf rechts gedreht. Bisherige Gewissheiten oder Annahmen zerfließen wie Butter in der Sonne und werden zu Makulatur.

Die Werft und vor allem die Arbeitsplätze werden in den kommenden Monaten alle Solidarität und Hilfe benötigen, die wir alle aufbringen können.

Mein Schlusssatz in Berlin lautete damals:

Weil unser Betrieb an so vielen Stellen verteidigungswürdig ist, können wir die Werft immer wieder erfolgversprechend verteidigen.

Die Zukunft der Vergangenheit