Ära

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In den letzten Tagen beendete ich einen, von mir lange Jahre am Leben erhaltenen und sehr geschätzten Diskussionskreis.
Die dort geführten leidenschaftlichen Debatten über die Arbeitswelt verlangen meines Erachtens, das man in derselben auch noch stehen sollte.
Mehr als drei Jahrzehnte konnte ich dort Ideen und Gedanken austauschen und diese im Feuer der Kritik dahinschmelzen, oder aber bestärkt und gestählt sehen.

Einer meiner Freunde sprach angesichts meines bevorstehenden Ruhestandes vom Ende einer Ära. Dieser Begriff schmeichelte mir, gleichzeitig fühlte er sich etwas unangenehm und übertrieben an.
Andererseits macht dieses selten gebrauchte Wort auch deutlich, was wir mit einer Ära verbinden. 

Die Kollegen begründeten ihre Einschätzung mit meinem Lebenslauf.
Daran, mit welcher Leidenschaft ein Spagat gelebt wurde.
Den steten Kampf mit mir selber, mit meiner Herkunft, meiner Realität  und mit anderen um den Begriff und den Inhalt des Begriffes Loyalität.
Die konsequente Arbeit zum Wohlergehen und Entwicklung des Betriebes wie aber auch der emotionale und temperamentvolle Wille zur wertschätzenden und würdevollen Behandlung der arbeitenden Menschen. All dies sei in und durch die Biografie begründet worden. Die Kooperation und gleichberechtigte Interaktion zwischen Management und Arbeitnehmervertretung sei, von außen betrachtet, ein bedeutsames Alleinstellungs-merkmal gewesen. Die Politiker in der besagten Runde (die uns weiß Gott nicht immer nur wohlgesonnen waren) betonten, wie schier unüberwindbar dieses Bollwerk für sie gewesen sei.

Doch kann man beanspruchen eine Ära eingeleitet oder repräsentiert zu haben?
Und folgt daraus, dass eine Ära endet, wenn die Wirkungszeit eines Menschen ein Ende hat? Und ist eine Ära überhaupt an einzelnen Personen festzumachen?
Prägen nicht vielmehr Zufälle, plötzliche Einflüsse und ein jeweiliger Zeitgeist einen Zeitabschnitt? 

Doch, wie schon gesagt, mit einer Ära in Verbindung gebracht zu werden, schmeichelt auch. Denn sie ist in unserer Vorstellung etwas durchaus Großes, etwas einschneidendes. Eine Ära hinterlässt „Spuren im Sand der Geschichte“. Sie ist bemerkenswert. 

In der Hektik unserer kurzlebigen Zeit ragt die Ära als Bild (manchmal auch als Fantasiegebilde) heraus.
Es ist auf eine gewisse Art eine beruhigende Verlässlichkeit im steten Auf und Ab unberechenbarer Zeitläufe. 

Der Begriff der Ära lässt uns hoffen oder glauben, dass nicht die plötzliche und abrupte Disruption, sondern längerfristige Verläufe geschichtlich gesehen die Regel sind.

Ruhe ist ansteckend

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Friedrichstadt/ Schleswig Holstein

Einige Tage Ausbruch aus dem täglichen Wahnsinn.
Ein Wochenende am Wasser und in der Natur.
Abseits großer Städte und ihrer vibrierenden Hyperaktivität. 

So wohltuend. Auf dem Fahrrad durch Wälder, Wiesen und wunderschöne kleine Dörfer. Eine Wohltat für Körper und Geist. Und die Gedanken bekommen Flügel.

Nietzsche sagte einmal:
„Nur die Ideen, die man beim Wandern entwickelt, sind es wert“.
Nun ja – als begeisterter Fahrradfahrer würde ich diesen Satz etwas erweitern und umformulieren. Doch er beinhaltet einen wahren Kern.
Um zu uns zu finden, um unsere Gedanken zu ordnen, brauchen wir vor allem Ruhe.
Ein Satz wie aus der Zeit gefallen, angesichts sich unablässig und aufdringlich meldender Handys, jederzeitiger Erreichbarkeit und einer lauten aufmerksamkeitsheischenden immerwährenden Informationsüberflutung. 

Die US Navy Seals haben ein Motto für ihre Offiziere das sie immer weiterreichen.
„Ruhe ist ansteckend“.

Und so ist es auch.
Wenn alle anfangen wirres Zeug zu reden, wenn immer nur Streit und Stress statt Lösungen produziert werden, wenn Ängste, Verunsicherung und Aggressionen wuchern wie giftige Schlingpflanzen, dann ist es an der Zeit, einen ausführlichen Spaziergang oder eine Fahrradtour in der Natur zu machen. 

Ideal, wenn man das unendliche Meer vor sich hat, um in einen Gleichklang der Gedanken und zur Ruhe zu kommen.
Es genügt aber auch schon das Hineinlauschen in unseren typischen norddeutschen Wind. Wie seine Kraft wogende Grasmeere erzeugt, oder mit ganz unterschiedlichen Tönen durch die Bäume streift. 

Es hilft dabei die Ruhe zu bekommen, die es braucht nicht der Aufrührer, der Paranoide, der Wütende, der Sorgende oder Irrationale zu sein.
Und das ist ja in diesen Zeiten auch schon viel wert!

Alles soll so bleiben wie es ist!?

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Ein Gesprächspartner sagte mir heute Morgen im Brustton der Überzeugung:

„Muss sich denn alles ändern?
Wer sagt das denn?
Ich möchte das alles so bleibt wie es ist“. 

Damit spricht er sicherlich vielen Menschen aus dem Herzen.
Und auch ich schaue mit einigem Bedauern auf liebgewordenes, auf Gewohntes, das nicht mehr en vogue ist, das verschwindet.
Wichtig ist die Erkenntnis, dass nur dann alles so bleibt, wie es ist, wenn wir akzeptieren und zulassen, das sich alles verändert. 

Denn nichts auf dieser Erde ist dauerhafter als die Veränderung (Heraklit).
Sie ist die Essenz aller Zeiten.

Am Bullauge

Am Wochenende war ich wieder einmal kurz davor eine ausführliche Presseschau zu machen.
Der Zeigefinger schwebte über der Maustaste. Die tägliche Sammlung von relevanten Berichten, sortiert nach Schlagzeilen, – nur einen Mausklick weit entfernt.
Und ich wusste das ich mich wieder einmal ärgern würde.
Deshalb fragte ich mich, warum ich mir dies eigentlich antun sollte.
So viele Nachrichten an denen ich sowieso nichts mehr ändern konnte.
So viele Verrücktheiten über die ich nur noch den Kopf schütteln kann.

Seit Monaten vermeide ich Morgens die sonst jahrelang üblichen vielen verschiedenen Nachrichtenmedien, die Schlagzeilenübersicht, die sogenannten „Breaking News“. Stattdessen liegt neben mir ein gutes Buch.
Und nach einer kurzen Entzugsphase geht es mir richtig gut dabei.

Ich bin Schiffbauer und weiß recht gut was einem Schiff gefährlich werden kann.
Es ist nicht der Sturm, oder eine stürmische See mit hohen Wellen die sein Schicksal besiegeln können. Ein Schiff gerät in Not und kann verloren gehen, wenn Wasser eindringt.

Und so wie man ein Schiff sturmfest macht, indem man die Luken verriegelt, so muss ich verhindern mit Nachrichten geflutet zu werden die in meinem Inneren nichts zu suchen haben. Nachrichten und Schlagzeilen, die mich weder klüger und vor allem nicht zufriedener machen. Und für diese gibt es heute so undenklich viele Zuflüsse und Kanäle (Fernsehen; Radio; Zeitungen; Internet).
Doch ich versuche immer mehr den Zufluss rigide zu begrenzen, bzw. diese einfach auszusperren.

So gelangen sie nicht in mein Leben (wenn ich es nicht möchte). So füllen sie mich nicht, ich kann nicht untergehen und verfolge den Sturm, wenn ich möchte quasi vom stabilen Bullauge aus. Auch nicht schlecht – oder?

Das Holz wird so teuer…

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Gestern regt sich einer meiner Gesprächspartner darüber auf das China so viel Holz aufkauft das es hier für Bauherren immer teurer wird.
So viel Empörung würde ich mir auch wünschen, wenn es um den stetigen Aderlass in unserer industriellen Wettbewerbsfähigkeit geht.
Schaut sich wohl einer mal die Wirtschaftsdaten von China an? Dieser autoritäre diktatorische Staat entwickelt sich zum großen Gewinner dieser Zeit.
Geopolitisch, militärisch und wirtschaftlich.
Mir wird ganz anders, wenn ich mir unter wirtschaftspolitisch strategischen Perspektiven anschaue was gerade passiert.
Wir alle sind so unglaublich satt und so selbstzufrieden das wir die agile Beweglichkeit, die Aggressivität und strategisch langfristigen Aktivitäten aus China einfach ignorieren.
Wir geraten zwar zunehmend auf die wirtschaftliche und technologische Verliererstraße und nehmen es doch mehr oder weniger achselzuckend zur Kenntnis.
Wir beschäftigen uns lieber mit uns selber.

Heute werden die Weichen für die Zukunft gestellt. Ist das eigentlich jedem klar?
Heute und nicht morgen entscheiden wir über den möglichen Wohlstand oder den Abstieg zukünftiger Generationen.
Heute entscheiden wir ob unser Land in den nächsten Jahrzehnten nur noch die Werkbank für ein immer stärker werdendes China sein wird.

Nach vielen technologischen und wirtschaftlichen Erfolgen greift China jetzt mit aller Macht auch den Hochtechnologieschiffbau an. Welche Antworten gibt es darauf? Alle Erfahrungen mit anderen Sektoren die schon verloren gingen zeigen, es wird ein unglaublich harter Kampf werden.
Doch wenn ich mir anschaue wie derzeit von der IG Metall, von der Politik und von den Medien in einer existenziellen Krise auf die letzte große deutsche Werft eingeprügelt wird, dann habe ich so meine Zweifel ob wir verstanden haben was die Aufgaben sind. Es ist bemerkenswert das in dieser Gesellschaft Arbeitsplätze aber auch die ökonomischen Rahmenbedingungen mittlerweile keine so große Rolle mehr spielen.
Ich merke dies in meiner Arbeit jeden einzelnen Tag.
Es kann mir zwar keiner beantworten welche Alternativen es für die Menschen und die Region gibt, wenn die Werft wesentliche Teile der Produktion oder gar den Standort verlieren würde. Eine solche Entwicklung wird aber auch irgendwie gleichgültig in Kauf genommen. Irgendetwas wird sich da ja schon finden?
Die brutalen Fakten sprechen zwar eine andere Sprache (siehe Grafik) aber wen interessieren im Moment schon noch Fakten – nicht wahr?

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Was sagt uns diese Entwicklung?
Welche Lehren ziehen wir daraus?
Tun wir angesichts dieser Entwicklung alles, um bestehende Unternehmen zu erhalten? Ich habe einen anderen Eindruck.
Es ist in Niedersachsen nicht leicht Werftunternehmer zu sein.
Und es ist in Deutschland generell nicht leicht Familienunternehmen zu sein.
In der Regel spielen diese nur in Sonntagsreden eine große Rolle.
Ansonsten sind sie dankbares Opfer für politische Zerrbilder und Melkkühe für eine überbordende Bürokratie und Regulierungswütige Dogmatiker.

Schade. In unserem Land bräuchten wir gerade jetzt eine ganze Generation von Gründern von mutigen Unternehmerinnen und Unternehmern.
Funktionäre habe wir mehr als genug.

Wie sagte Henry Ford:
„Es gibt mehr Leute die kapitulieren als solche die scheitern“.

Negative(s) kann man vergrößern….

2021-06-07_11-41-23.jpegIn den letzten Tagen wurde wieder einmal, wie so oft in den letzten Monaten, über den richtigen Weg aus der schlimmen Krise unserer Werft gestritten.
40% unseres Arbeitsvolumens für die nächsten Jahren wurde durch die Corona Krise pulverisiert.
Um eine solche Krise zu überleben muss man, wie bei einer schweren Krankheit, nicht nur reden und theoretisieren sondern Taten folgen lassen.
Man muss handeln. Denn die einfachste Art ein Problem zu lösen, ist es zu lösen!

Unser Seniorchef hat die Belegschaft am Samstag mit einer digitalen Information und in der ihm eigenen Weise über die Situation informiert. Er spannte dabei einen Bogen aus den Erlebnissen seiner 48 jährigen Leitung der Werft bis in die Gegenwart.

Während der größte Teil der deutschen Werften in den stetigen Krisen der letzten Jahrzehnte kapitulieren musste, hat die Meyer Werft diese überstanden. Dies gelang einerseits durch eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Betriebsrat und Unternehmensleitung. Es war aber andererseits insbesondere das Ergebnis von mutigen Entscheidungen des Unternehmers Bernard Meyer.

Wer, außer einem Vollblut Familienunternehmer hätte es denn gewagt, inmitten der vielen Schiffbaukrisen eine komplett neue Werft aufzubauen?
Wer außer einem leidenschaftlichem Familienunternehmer hätte denn wirklich restlos alle Reserven mobilisiert um gerade in Krisenzeiten in die Werft und den Standort zu investieren?

Ich habe selber erlebt wie wir von den damaligen großen Werften belächelt und bemitleidet wurden, als unsere Werft in den schwierigen Spezialmarkt des Kreuzfahrtschiffbaus eintrat. Und es war eine richtige und wegweisende Entscheidung. Wäre sie nicht gefällt worden, – wir wären heute nur noch Geschichte.

Als die bis dahin größte Schiffbauhalle der Welt gebaut werden sollte waren wir im Betriebsrat sehr skeptisch. Hatten wir doch damals eine Zeit in der eine große deutsche Werft nach der anderen unterging.

Doch der ansteckende Optimismus von Bernard Meyer spülte alle Bedenken hinweg.

Nur ein Familienunternehmer, der sich einer langen Tradition und nicht anonymen Aktionären verpflichtet fühlt, war in den vielen schwierigen Jahren in der Lage, solche schnellen, mutigen und strategischen Entscheidungen zu treffen.
Was hätte da wohl ein Aufsichtsrat gesagt?

In der Geschäftsleitung gab es vor einigen Jahren Bedenken gegen ein Engagement bei der Werft in Turku. Ich gehörte selber zu denen die kritisch waren.
Doch letztendlich gab der unternehmerische Instinkt den Ausschlag. Was wäre passiert wenn B.Meyer nicht den Mut und die Courage für diese Entscheidung gehabt hätte?
Viele Aufträge wären an uns vorbeigezogen. Ohne Turku hätte Papenburg in den letzten Jahren kaum diese beeindruckende Entwicklung machen können.

Und heute haben wir eine der größten und gefährlichsten Krisen der letzten Jahrzehnte. Noch nie war die Zukunft der Werft und tausender Arbeitsplätze derart in Gefahr.
Und wie ist die Reaktion?
Statt die bewährten Werkzeuge zu nutzen, einen Blick auf die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zu werfen, gehen IG Metall und Betriebsrat eine gewagte Wette ein.

Statt darauf zu vertrauen dass der erfolgreichste Werftunternehmer Deutschlands weiß wie die Werft diesen katastrophalen Sturm übersteht und auf eine geschlossene und kooperative Zusammenarbeit zu setzen, bevorzugt man die offene Konfrontation.

Eine wirklich riskante Strategie.
Und der Wetteinsatz für diese Strategie sind möglicherweise unzählige Arbeitsplätze oder gar der ganze Standort.
In einer solchen Krise dieser Dimension machen wir alle Fehler.
Auch wir als Geschäftsleitung. Aber nichts zu tun, aus Angst vor unpopulären Enstcheidungen, den naiven Glauben zu pflegen das alles wieder so wird wie vor der Krise ist hochgradig gefährlich und verantwortungslos.

Die Eigentümerfamilie und die Geschäftsleitung werden von einer eigenartigen Koalition aus typischen Werfthassern, ultralinken Gruppen, und leider auch von der Führung der örtlichen IG Metall mit einem Trommelfeuer von Anschuldigungen, Vorwürfen und Gerüchten überzogen.
Aus Halb,- und Unwahrheiten, populistischen, spaltenden und politisch heiklen Sprachmustern („Der große geplante Austausch“; Stamm vs. Fremde; das Management nutzt die Krise nur….) entsteht eine giftige Brühe in der nichts gutes mehr wachsen kann.

Und mit Gerüchten und Fehlinformationen ist es wie bei der alten Fotografiertechnik. Hat man erst einmal ein Negativ, kann man es beliebig vergrößern.

Diese Konfliktstrategie hat bei anderen Werften immer und immer wieder ins Desaster geführt.
Der Versuchung einen solchen Weg zu gehen, haben wir in Papenburg in den letzten Jahrzehnten  immer wiederstanden. Dies war gut für den Standort, für die Entwicklung und Sicherung der Arbeitsplätze, letztendlich für die Entwicklung der ganzen Region.

Die Menschen müssen sich jetzt tatsächlich entscheiden.
Wem vertraut man sein Schicksal an?
Wem traut man in diesem zerstörerischen Sturm zu, den richtigen Weg aus dieser Krise zu finden?

Diese Entscheidung müssen alle Beteiligten für sich und ihre Familien, für ihre Freunde, Bekannten und Nachbarn treffen.
Alle Fakten sind bekannt.

Und so gilt die alte Wahrheit:
„Wer sich von der Wahrheit nicht besiegen lässt, der wird vom Irrtum besiegt“.

Im Nachhinein kann man vieles nicht mehr ändern!

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Heute schaue ich mir E-Mails, Briefe, Berichte und Kommentare des gestrigen und des neuen Tages an. Einige der Abhandlungen und Memos lese ich mir intensiver durch.

Zitate mit persönlichen Angriffen ätzen sich in die Erinnerung wie Salzsäure. 

Einiges von dem, was ich lese, macht mich doch immer wieder sprachlos. Und dies obwohl ich doch schon vieles gewohnt bin.

Ob wirklich allen bewusst ist, was unser jeweiliges Handeln bewirkt?
Und auch was Untätigkeit, Uneinsichtigkeit und Blockaden für Konsequenzen haben? 
Das es  etwas mit uns und anderen macht, was und wie wir denken und was wir von uns geben, schreiben und sagen?

Ein gibt Dinge die man, auch wenn man es im Nachhinein vielleicht möchte, nicht mehr verändern und zurückholen kann.
Eine altes Sprichwort beschreibt dies mit:

Das gesagte Wort,
den abgeschossenen Pfeil
und die verpasste Gelegenheit!

Vielleicht sollte man in dieser Zeit der leider so oft unreflektierten Meinungsäußerung, des beleidigenden und provokanten Kommentars, der Vorverurteilung und populistisch motivierter harter Vorwürfe und Schmähungen, einmal intensiver darüber nachdenken?

Erfahrungen und der Kaffee früh am Morgen

„Niemand kann Dich besser beraten als Du selbst“.
Dieses stoische Zitat von Cicero ist leichter gesagt als in die Tat umgesetzt.

Lebt man schon viele Jahre, hat man viel erlebt und erfahren.
Irgendwie bin ich davon ausgegangen das man dadurch im Alter auf verschiedene Dinge gelassener reagieren würde.
Und doch stelle ich immer wieder fest, das oftmals genau das Gegenteil der Fall ist.
Es ist schon bemerkenswert das ein alter Freund von mir, der frühere Bürgermeister von Papenburg, schon vor Jahren auf diesen Umstand hingewiesen hat.

Früher konnte ich trotz extremer Herausforderungen und schwierigsten Problemen, die unmittelbar zu lösen waren, einfach abschalten.
Dies ist heute deutlich anders.
Entwicklungen, Konflikte, Probleme und Herausforderungen führen zu Unruhe und einem nervösen Geist der sich nicht so einfach beruhigen lässt.

Ich mag die Menschen meiner Heimat sehr. Ich mag die Kolleginnen und Kollegen der Werft. Und so mache ich mir Sorgen um das Schicksal so vieler Menschen in einer der schwersten Krisen des Schiffbaus. 
Ich schaue mir an wie heute agiert wird, vergleiche dies mit früher (was sollte ich auch sonst tun?), ärgere und sorge mich.In einer spannenden Diskussion wurde mir vor vielen Jahren einmal gesagt, dass man, bezogen auf das eigene Alter, Menschen und ihr Verhalten und Denken, in einer Zeitspanne von 15 Jahre nach vorne und hinten verstehen und gut nachvollziehen könnte. Also ein Zeitraum von 30 Jahren. Damals habe ich den Kopf geschüttelt.
Heute würde ich dieser These doch sehr viel bereitwilliger zustimmen.

Warum nahm ich früher Entwicklungen anders wahr?
Lag es an einem robusterem und stabileren Nervenkostüm?
Ist eine solche Resilienz ein Vorrecht der jungen Jahre?
Ich bin mir nicht sicher.
Vielleicht liegt es aber auch daran, weil man früher Entwicklungen mehr als Experiment, als Abenteuer, als etwas gesehen hat, was sich entwickelte.
Was man begleitete, was neu und spannend war.
Vielleicht liegt die Last der Erfahrung vieler Jahre genau dort, dass man durch sie einen Teil des unbekümmerten Agierens verloren hat. Durch viele vergleichbare Erlebnisse weiß man schon recht gut, wo Entwicklungen aller Voraussicht nach enden werden. Welche Folgen bestimmte Handlungen oder auch das „nicht Handeln“ für viele Menschen nach sich ziehen.

Ich würde die Erfahrungen eines langen Arbeitslebens nie missen wollen. Doch in schwierigen Zeiten kann dies, wie schon erwähnt, auch eine Last werden. Es kann manchmal dazu führen dass einige Nächte unruhiger und kürzer werden.
Oder dass man in den frühen Morgenstunden bei einem Kaffee Szenarien durchdenkt.

Doch warum tue ich dies überhaupt? 
Wer will denn hören, was einen umtreibt? Wer versteht es überhaupt?
Wie sagt doch schon Goethe?
„Es hört doch jeder nur was er versteht“.

Kompetenz vs. Inkompetenz?

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Bei dem Tatort am letzten Sonntag sitzen Professor Boerne und Kommissar Thiel reichlich angetrunken auf dem Seziertisch in der Pathologie. Boerne glaubt, er habe einen Fehler gemacht und doziert über seine vermeintliche Unfähigkeit zur Wahrnehmung dieses Fehlers mit dem Hinweis auf den Dunning Kruger Effekt.

David Dunning und Justin Kruger sind bekannt für ihre Untersuchung zwischen der effektiven Kompetenz von Menschen und andererseits dem Grad an Kompetenz den sie sich selber zuschreiben.
Bei Wikipedia wird dies folgendermaßen beschrieben:

„Der Dunning Kruger Effekt bezeichnet die kognitive Verzerrung im Selbstverständnis inkompetenter Menschen, das eigene Wissen und Können zu überschätzen. Diese Neigung beruht auf der Unfähigkeit, sich selbst mittels Metakognition objektiv zu beurteilen.“

Kurzum und einfach gesagt. Die inkompetentesten Menschen überschätzen sich selber maßlos. Sie können die Kompetenz anderer nicht erkennen und sprechen diesen auch das Recht ab, ihre Kompetenz zu beurteilen.

Dieser  Effekt begegnet uns überall.
Fehler bei der Arbeit, beim Autofahren, in der Schule oder auch im Privatleben? Fehler bei der Pandemiebekämpfung. Folgen fehlender Entscheidungsfreude in schwieriger Zeit? Der Dunning Kruger Effekt gibt die Antwort. Es war eben Pech, Zufall, die anderen sind schuld und wo ist eigentlich das Problem?

Der Dunning Kruger Effekt führt zum Augenrollen oder mitleidigem Grinsen bei dem IT Mann/Frau wenn ein vermeintlich blöder Nutzer, die mit unverständlichen Begriffen gespickten Anweisungen zu einem nicht startenden Computer einfach nicht verstehen will. Man erkennt den Effekt bei dem genervten Arzt, wenn dieser mit besorgten und kritischen Nachfragen hinsichtlich seiner Diagnose konfrontiert wird. Fast körperlich spürbar manifestieren sich die Gedanken „Wieso glauben diese Honks überhaupt nachfragen zu dürfen“?.
Oder ein erlebtes Beispiel in einem guten Restaurant (leider lange her). Meine Kritik am glibberigen Fisch führt zu einer Diskussion mit dem Koch, der meine Kritik, die Kritik von einem „Nichtkoch“ als falsch und quasi Majestätsbeleidigung ansieht.

Ich habe mit vielen Behörden, Ministerien und dem Politikbetrieb zu tun. Vollgepfropft mit klugen und teilweise brillanten Leuten. Doch auch dort verwandelt sich individuelle Klugheit im Bunker, in den „organisatorischen Dunning Kruger Effekt“.
Man erlebt so oft grundsätzliche Abwehr und Ignoranz gegenüber fast allem, was von außen kommt.

Ich verstehe z.B die Logik nicht, das unsere Werft als weltweit einzige Werft bestimmte Gebühren zur Überführung unserer Schiffe zahlen muss und als Begründung hierfür ein europäisches Beihilfe,- bzw. Wettbewerbsrecht herangezogen wird. Wo die Wettbewerbsverzerrung beim Verzicht auf die Gebühren wäre, kann ich nicht verstehen. Der Dunning Kruger Effekt führt allerdings dazu, dass ganze Organisationen Kritik nicht annehmen wollen, weil der Kritiker die ganze Komplexität der administrativen juristischen Regularien nicht verinnerlicht hat. Insofern ist damit eigentlich die kritische Frage schon aus dem Grund illegitim.

Warum dauert ein einfacher Brückenbau bei uns Jahrzehnte? Warum dauert eine einfache Genehmigung so lange? Warum muss meine Mutter so viele Formulare ausfüllen, wenn sie nur geimpft werden will. Warum kommen die zugesagten Corona Hilfen bei den Betrieben erst mit so großer Verspätung an?

Die kollektive Dunning Kruger Antwort:
Du kannst die Komplexität in der sich dies alles bewegt nicht wissen, sondern nur erahnen. Deshalb ist die Kritik unnütz und fehlgeleitet.

Und noch ein aktuelles Beispiel. Der Kreuzfahrtmarkt bricht ein. Über 400 Schiffe liegen untätig vor Anker. Die Werft hat 40% weniger Arbeit. Die Verluste bei den Kunden und der Werft sind katastrophal. Es gibt unverkennbar eine existenzielle Krise, auf die es schnelle Antworten geben muss.
Dennoch verbarrikadieren sich Menschen und Organisationen in einer Wagenburg der Überzeugung, dass die Krise überzeichnet wird. Trotz der Zahlen, Daten und Fakten wird es schon nicht so schlimm. Die Krise ist schon nicht so schlimm und auch nur vorübergehend. Und im Übrigen gibt es aus der internen Sicht viele Dinge im Betrieb die von außen kaum jemand, auch keine Spezialisten, richtig beurteilen können.
Der Dunning Kruger Effekt schlägt auch hier gnadenlose Purzelbäume.

Gefährlich wird es, wenn die Konsequenzen dieser kognitiven Fehlleistung tiefgreifende Folgen für das Leben und die Schicksale anderer Menschen haben.

 

4.00 Uhr Morgens

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Es ist viel zu früh am Morgen.
4.00 Uhr und ich bin wach. Durch das offene Fenster höre ich das Rauschen der Bäume in den fast herbstlichen Windböen.

Die Informationen auf die ich gestern Abend noch lange gewartet hatte, blieben aus. Ohne Erklärung, – wie so oft.
Und da rauscht sie in diesen frühen Morgenstunden heran. Die Welle von etwas Verbitterung, gewürzt mit einer Prise Selbstmitleid.
Erklären kann ich diese Gefühle sehr wohl. Denn ein solches „vergessen werden“, hingehalten werden oder abwarten müssen, ist eine noch relativ neue Erfahrung für mich.

Ich müsste es aushalten können. Aber im Dauerfeuer von jahrzehntelangen Krisen ist mein individueller Schutzschild doch etwas beschädigt, dünner und löchriger geworden.
Ich habe die erstrebte stoische Ruhe und Geduld noch nicht so verinnerlicht, wie ich es gerne möchte.

Ein Blick nach vorne. Nur noch wenige Wochen und ich kann mich etwas zurücklehnen.
Der Rückzug aus der ersten Reihe? Eine bewusste, eine gute und eine richtige Entscheidung. Gefällt im Bewusstsein der ganz unterschiedlichen Konsequenzen.
Und doch fällt es dem alten Schlachtross irgendwie schwer.

Doch Wut oder Selbstmitleid sind so unglaublich destruktiv. Ein Mahlstrom, ein Strudel der einen Menschen verschlingen kann. Kann man sich daraus nicht befreien, zieht es einen immer weiter in den Trichter. Man wird schneller und schneller herumgewirbelt. Verliert den Überblick.  Ein paranoider Teufelskreis.

Ich denke an eine Unterhaltung vor fast einem Jahrzehnt, mit einem guten Kollegen aus Frankfurt. Er arbeitete an leitender Stelle in einem amerikanischen Konzern. Dort war er eine Institution gewesen. Legenden rankten sich um seine Arbeit. Doch der Konzern hatte für seine wichtigsten Schlüsselleute die maximale Altersgrenze auf 60 Jahre festgelegt. Und dies betraf nun auch ihn. Sein Leben nach der Arbeit war gut geregelt. Er hatte viele Interessen und seine Frau freute sich auf mehr Zeit mit ihm.
Doch die letzten Monate in der Kanzlei wurden für ihn zu einer Tortur.

Wir trafen uns ungefähr 8 Monate vor seinem Ausstieg im Hamburger Hafen bei einem wunderbaren Essen und einem guten Glas Wein. Der Kollege haderte heftig mit dieser „Zwischenzeit“. Er philosophierte über vermeintliche Undankbarkeiten. Er registrierte  die jungen Leute, die ihn nicht mehr um Rat fragten sondern eigene Wege gingen.
Er beobachtete die Weichenstellungen, an denen er nicht mehr beteiligt war.
Verbitterung umgab ihn, stand ihm im Gesicht, quoll aus seinen Worten. Ich antwortete ihm damals: 
„Ich verstehe Dich. Du hast mein vollstes Mitgefühl. Es gibt keinen Menschen den ich kenne, dem es schlechter geht als Dir“
.
Völlig verdutzt schaute er mich an und war durch diese drastische Überzeichnung plötzlich aus dem Strudel befreit.
Der Kopf war frei für die Wahrnehmung der tatsächlich vielen schönen und total glücklich machenden Dinge die geschehen waren und die noch vor ihm lagen. Schön wurde der Austausch an den ich noch gerne zurückdenke.

Selbstmitleid ist ein katastrophal zerstörerisches Denken. Und es bringt einem persönlich auch  überhaupt nichts. Denn worin soll der Sinn liegen, unglücklich zu sein?
Es ist völlig egal, was wir getan oder geleistet haben.
Dies ist ein wichtiger Teil unserer Persönlichkeit und macht uns hoffentlich zufrieden. Für andere hat dies möglicherweise keinerlei Bedeutung.
Die Vergangenheit ist vorbei und keine Währung mit der gezahlt werden kann oder vergolten wird.
Man kann den stetigen Strom von Veränderungen beklagen, oder den Umgang mit der Gegenwart als falsch beurteilen.
Doch wenn man dies aus ganz verschiedenen Gründen nicht ändern kann oder will, dann sollte man dieser Analyse nicht auch noch die Selbstzerfleischung des Selbstmitleides hinzufügen.

Kluge Gedanken zu so früher Zeit denke ich und schlafe tatsächlich wieder ein!