Der Mann auf dem Deich

Der Mann auf dem Deich

Eine Erzählung von Paul Bloem

Der alte Mann saß auf einer Bank oben auf dem Deich und schaute auf die Ems.

Er tat das an beinahe jedem Nachmittag, solange das Wetter es zuließ. Im Sommer blieb er manchmal bis zum Abend, wenn das Licht über dem Wasser langsam golden wurde und die Schafe sich in den Windschatten der Deichböschung legten. Im Winter genügten ihm oft zwanzig Minuten. Dann kroch die Kälte durch seinen Mantel, und seine Knie erinnerten ihn daran, dass sie inzwischen älter waren als die meisten Menschen, denen er auf dem Deich begegnete.

Die Leute aus dem Dorf kannten ihn. Einige grüßten, andere blieben für ein paar Worte stehen. Wer ihn noch von früher kannte, fragte gelegentlich nach seiner Gesundheit oder erzählte ihm Neuigkeiten von der Werft.

Er hieß Johann.

Neben ihm stand eine grüne Thermoskanne, auf seinem Schoß lag ein altes Fernglas, dessen schwarze Farbe an den Kanten abgegriffen war. Das rechte Okular hatte einen kleinen Riss im Gummi. Johann hatte sich schon oft vorgenommen, es reparieren zu lassen, aber jedes Mal, wenn er es in die Hand nahm, dachte er, dass es eigentlich auch so noch ganz gut funktionierte.

Das Fernglas hatte ihm Hinnerk zu seinem fünfzehnten Geburtstag geschenkt.

Es war damals bereits gebraucht gewesen, ein schweres, russisches Modell, das Hinnerks Vater irgendwo eingetauscht hatte. Die beiden Jungen hatten damit stundenlang Schiffe beobachtet und versucht, ihre Namen zu entziffern, lange bevor sie nah genug herangekommen waren.

Von der Bank aus konnte Johann die Ems weit überblicken. Bei klarem Wetter zeichneten sich flussaufwärts die Hallen und Kräne der MEYER WERFT gegen den Himmel ab. Manchmal ragten die Aufbauten eines unfertigen Kreuzfahrtschiffes über die Bäume hinaus, als sei mitten im flachen Land eine weiße Stadt entstanden.

Johann hatte dort fast vierzig Jahre gearbeitet.

Als junger Schiffbauer war er morgens mit dem Fahrrad durch das Werfttor gefahren, die Brotdose auf dem Gepäckträger und den Geruch von Schweißrauch und heißem Stahl bereits in der Nase. Später waren die Schiffe größer geworden, die Hallen höher und die Maschinen moderner. Die Arbeit hatte sich verändert, aber das Gefühl war geblieben, wenn ein Schiff zum ersten Mal Wasser unter den Kiel bekam.

Er hatte seine Arbeit gemocht.

Vielleicht sogar ein wenig zu sehr, dachte er manchmal.

An einem Nachmittag im April näherte sich ein Junge auf einem Fahrrad. Er fuhr schnell, obwohl der Wind von der Seite kam, und bremste erst, als sein Hinterrad plötzlich zu schlingern begann.

„Scheiße!“

Johann hob den Kopf.

„Das ist aber kein besonders freundlicher Gruß.“

Der Junge stieg ab und betrachtete seinen Reifen.

„Platt.“

„Das sehe ich.“

„Und jetzt?“

„Das weiß ich nicht. Ist ja dein Fahrrad.“

Der Junge schaute ihn an, als müsse er erst entscheiden, ob der Alte ihn ärgern wollte.

Johann rückte ein wenig zur Seite.

„Setz dich erst mal. Vom Stehen wird der Reifen auch nicht wieder rund.“

Der Junge, vielleicht zwölf, ließ sich auf die Bank fallen, zog sein Handy aus der Tasche und tippte darauf herum.

„Kein Netz. Auch das noch.“

„Hier draußen gibt es manchmal mehr Wind als Netz.“

„Sehr witzig.“

Johann lächelte und schaute wieder auf den Fluss.

Ein Frachter kam langsam stromaufwärts. Sein Bug schob eine breite Welle vor sich her, die sich am Ufer brach. Hinter ihm kreisten Möwen, obwohl es für sie dort eigentlich nichts zu holen gab.

„Was machst du hier eigentlich?“, fragte der Junge.

„Sitzen.“

„Das sehe ich.“

„Na also.“

„Ich meine, warum sitzt du hier?“

Johann nahm das Fernglas vom Schoß.

„Ich warte.“

Der Junge blickte den Deichweg entlang.

„Auf wen?“

„Auf einen Freund.“

„Kommt der mit dem Fahrrad?“

„Nein. Mit dem Schiff.“

Der Junge betrachtete den Frachter.

„Mit dem da?“

„Wohl kaum.“

„Wann kommt er denn?“

Johann zuckte mit den Schultern.

„Das weiß ich nicht.“

„Und wie lange wartest du schon?“

Der Alte fuhr mit dem Daumen über eine Kerbe in der Armlehne.

„Mehr als fünfzig Jahre.“

Der Junge drehte sich zu ihm.

„Fünfzig?“

„Ja.“

„Jahre?“

„Nein, Minuten. Natürlich Jahre.“

Der Junge lachte ungläubig.

„Das geht doch gar nicht.“

„Offenbar doch.“

„Und der kommt einfach nicht?“

Johann betrachtete den Frachter, der inzwischen fast auf ihrer Höhe war.

„Bisher nicht.“

Der Junge schwieg eine Weile. Dann fragte er mit jener Unbefangenheit, die Erwachsene manchmal erschreckt:

„Vielleicht ist er tot?“

Johann nickte.

„Das kann sein.“

„Weißt du es nicht?“

„Nein.“

Der Alte nahm die Thermoskanne, goss sich Tee ein und hielt den Becher zwischen den Händen.

„Sein Schiff ist damals vor Norwegen in einen schweren Sturm geraten. Es ist nicht wieder angekommen. Man hat Wrackteile gefunden und einige Männer gerettet. Von anderen hat man lange nichts gehört.“

„Und dein Freund war einer von denen?“

„Ja.“

Der Junge betrachtete das Wasser.

„Dann ist er wahrscheinlich tot.“

„Wahrscheinlich.“

Johann nahm einen Schluck Tee.

„Aber manchmal ist da noch so ein kleines Gefühl. Hier drin.“

Er legte die Hand auf seine Brust.

„Als würde etwas darauf warten, dass es weitergeht.“

Der Junge dachte nach.

„Wie Standby.“

„Wie bitte?“

„Na, beim Computer. Oder bei einem Spiel. Wenn du Pause machst, sieht es manchmal so aus, als wäre alles vorbei. Aber irgendwo blinkt noch ein kleines Zeichen. Das Spiel läuft nicht weiter, ist aber auch nicht zu Ende.“

Johann betrachtete ihn.

„Und was macht man dann?“

„Man drückt wieder auf Start.“

Der Alte lächelte.

„So einfach ist das?“

„Eigentlich schon.“

Eine halbe Stunde später kam die Mutter des Jungen mit dem Auto. Er hatte sie schließlich doch erreicht, nachdem er ein Stück den Deich entlanggelaufen war.

Als sie das Fahrrad in den Kofferraum hoben, drehte sich der Junge noch einmal um.

„Wie heißt du eigentlich?“

„Johann.“

„Ich bin Ben.“

„Na dann, Ben. Fahr vorsichtig.“

„Kann ich ja schlecht. Hab einen Platten.“

Johann lachte.

Als das Auto verschwunden war, blieb er noch lange sitzen.

Der Frachter hatte die nächste Flussbiegung erreicht. Bald würde er hinter den Bäumen verschwinden.

Johann hob das Fernglas.

Er wusste selbst nicht, wonach er suchte.

* * *

Ben kam wieder.

Nicht am nächsten Tag und auch nicht in der folgenden Woche. Aber irgendwann im Juni stand sein Fahrrad erneut neben der Bank.

Diesmal waren beide Reifen heil.

„Moin.“

„Moin.“

„Ist hier noch frei?“

Johann betrachtete die leere Hälfte der Bank.

„Sieht ganz danach aus.“

Ben setzte sich und holte eine kleine Thermosflasche aus seinem Rucksack.

„Tee?“

Johann hob seine eigene Kanne.

„Hab ich.“

„Meiner ist besser.“

„Das behauptet jeder Teetrinker.“

Ben schenkte ihm einen Becher ein.

Johann probierte.

„Ziemlich süß.“

„Meine Oma macht immer Kluntje rein.“

„Deine Oma versteht was vom Tee.“

Damit war die Sache entschieden.

Von nun an kam Ben häufiger. Manchmal zweimal in der Woche, manchmal nur Sonntags. Er erzählte von der Schule, von seinem Fußballverein und von Computerspielen, bei denen Johann trotz ausführlicher Erklärungen nicht verstand, warum man unbedingt gegen Menschen kämpfen musste, die man überhaupt nicht kannte.

Johann erzählte zunächst wenig. Er fragte lieber, ob Ben Geschwister habe, was er später einmal werden wolle und warum Kinder heute ständig auf ihre Telefone schauten, selbst wenn sie nebeneinandersaßen.

„Weil da unsere Freunde sind“, erklärte Ben eines Tages.

Er zeigte Johann sein Handy.

„Guck mal. Vierhundertachtunddreißig.“

„Was ist das?“

„Meine Freunde.“

Johann setzte seine Brille auf.

„Alle auf einmal?“

„Nein. Auf Snapchat.“

„Aha.“

„Auf Instagram hab ich noch mehr.“

„Donnerwetter.“

Ben grinste stolz.

Johann gab ihm das Telefon zurück.

„Und was macht ihr so zusammen?“

„Wir schicken uns Sachen. Videos. Bilder. Nachrichten.“

„Und sonst?“

„Was sonst?“

„Na, habt ihr irgendetwas vor?“

Ben verstand nicht.

„Wie meinst du das?“

Johann schaute auf die Ems.

„Habt ihr einen gemeinsamen Traum? Etwas, das ihr unbedingt zusammen erleben wollt?“

Ben überlegte.

„Vielleicht mal zusammen nach Mallorca.“

„Zum Saufen?“

„Johann!“

„War nur eine Frage.“

Ben musste lachen.

Dann wurde er neugierig.

„Hattest du früher auch so viele Freunde?“

„Nein.“

„Wie viele denn?“

Johann überlegte.

„Einen.“

„Einen einzigen?“

„Einen richtigen.“

„Das ist aber wenig.“

„Kommt darauf an, wie man zählt.“

Johann nahm einen Schluck Tee.

„Er hieß Hinnerk.“

* * *

Die beiden hatten sich kennengelernt, als Johann elf Jahre alt gewesen war.

Hinnerk war neu ins Dorf gekommen. Sein Vater fuhr auf einem kleinen Küstenmotorschiff, und die Familie hatte ein Haus nahe dem Hafen bezogen.

Am ersten Schultag hatte Hinnerk sich neben Johann gesetzt, weil dort noch ein Platz frei gewesen war. Er hatte rote Haare, Sommersprossen und einen Gesichtsausdruck, der verriet, dass er sich von Erwachsenen nur ungern etwas sagen ließ.

In der großen Pause hatte er Johann gefragt, ob es hier irgendwo etwas Interessantes gebe.

Johann hatte auf die Ems gezeigt.

„Da fahren Schiffe.“

„Das sehe ich.“

„Na also.“

Es war der Beginn einer Freundschaft gewesen, die in den folgenden Jahren kaum einen Tag ohne gemeinsame Unternehmungen verging.

Sie bauten Flöße aus alten Brettern, angelten im Hafen und streiften durch die Wiesen am Fluss. Einmal hatten sie dem alten Lehrer Petersen sein Ruderboot auf das Dach seines Hühnerstalls gesetzt.

Es hatte vier Jungen, zwei Leitern und beinahe einen ganzen Nachmittag gebraucht.

Am nächsten Morgen war das ganze Dorf auf den Beinen gewesen.

Petersen hatte unter dem Stall gestanden, die Hände in die Hüften gestemmt und so lange geschimpft, bis ihm die Worte ausgegangen waren.

Hinnerk und Johann hatten aus sicherer Entfernung zugesehen.

„Der weiß nie, wer das war“, hatte Hinnerk geflüstert.

Dann war Petersen auf eine Leiter gestiegen und hatte oben auf dem Dach einen einzelnen Holzschuh entdeckt.

Hinnerks Holzschuh.

Die beiden mussten das Boot wieder herunterholen und drei Wochen lang Petersens Garten umgraben.

Noch Jahre später hatten sie darüber gelacht.

Aber ihre eigentliche Leidenschaft galt den Schiffen.

Hinnerks Vater brachte manchmal alte Seekarten mit nach Hause. Die Jungen breiteten sie auf dem Küchenboden aus und zeichneten mit rotem Bleistift ihre zukünftige Reiseroute ein.

Sie wollten nach Amerika, nach Australien und einmal um Kap Hoorn segeln. Hinnerk bestand darauf, dass sie auch nach Japan fahren müssten, weil er irgendwo gelesen hatte, dass dort Häuser aus Papier gebaut würden.

Johann wollte lieber nach Südamerika.

Warum, wusste er selbst nicht genau.

Es klang einfach weit weg.

Sie begannen zu sparen.

Hinnerk fand eine alte Blechdose, in der einmal Butterkekse gewesen waren. Johann malte mit schwarzer Farbe ein Schiff darauf. Jeder Pfennig, den sie nicht für Süßigkeiten ausgaben, kam hinein.

An einem Sommerabend saßen sie mit der Dose und ihrer Seekarte am Fluss.

Die Sonne stand tief, und auf der anderen Seite des Wassers grasten Kühe.

Hinnerk zählte das Geld.

„Achtundvierzig Mark und siebzig Pfennig.“

Johann betrachtete die Karte.

„Reicht das?“

„Für den Anfang.“

„Und wenn wir unterwegs kein Geld mehr haben?“

Hinnerk zuckte mit den Schultern.

„Dann arbeiten wir eben irgendwo.“

„Wo denn?“

„Auf einem Schiff. Oder in Amerika.“

Johann nickte.

Hinnerk schloss die Dose.

„Wir fahren auf jeden Fall zusammen.“

Johann streckte ihm die Hand hin.

„Versprochen.“

Sie schlugen ein.

Dann saßen sie noch lange am Wasser und beobachteten einen Frachter, der langsam die Ems hinauffuhr.

* * *

„Und?“, fragte Ben.

Johann hatte aufgehört zu erzählen.

„Was und?“

„Seid ihr gefahren?“

Der Alte schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Warum nicht?“

Johann betrachtete seine Hände.

„Weil das Leben dazwischenkam.“

Er erzählte von seinem Vater, der schwer krank geworden war, von der Mutter, die plötzlich nicht mehr wusste, wie sie die Familie ernähren sollte, und von seiner Lehrstelle auf der Werft.

Er hatte damals nicht lange überlegen müssen.

Ein regelmäßiger Lohn war wichtiger gewesen als eine Weltreise.

Anfangs hatte er geglaubt, die Reise nur um ein paar Jahre zu verschieben. Doch die Jahre vergingen schneller, als er erwartet hatte.

Er lernte Lene kennen, die Tochter eines Tischlers aus dem Nachbardorf.

„Meine Lene“, sagte er und lächelte.

„Die hatte ein Lachen, das man durch drei geschlossene Türen hören konnte.“

Sie heirateten, bekamen Kinder und bauten ein kleines Haus.

Johann war zufrieden gewesen.

Jedenfalls meistens.

Hinnerk dagegen hatte nie aufgehört, von der großen Fahrt zu sprechen.

Er arbeitete zunächst im Hafen, später fuhr er auf Küstenmotorschiffen mit. Wenn er nach Hause kam, erzählte er von fremden Städten, von Häfen, in denen die Luft nach Gewürzen roch, und von Menschen, deren Sprache er nicht verstand.

Johann hörte ihm gern zu.

Aber mit jedem Besuch wurde etwas zwischen ihnen schwieriger.

Hinnerk verstand nicht, warum Johann sich mit seinem Leben zufriedengab.

Und Johann ärgerte sich darüber, dass Hinnerk seine Verantwortung für die Familie offenbar für eine Ausrede hielt.

Eines Abends kam Hinnerk mit einer Nachricht, auf die er lange gewartet hatte.

Er hatte eine Heuer auf einem Frachter bekommen, der nach Übersee fahren sollte.

Die Nordstern.

Er stand in Johanns Küche, die Reisetasche bereits gepackt.

„Jetzt oder nie“, sagte er.

Johann war müde von der Schicht. Seine Hände rochen noch nach Öl, und auf dem Tisch lag ein Brief der Krankenkasse wegen seines Vaters.

„Dann fahr doch.“

Hinnerk sah ihn an.

„Du könntest mitkommen.“

Johann lachte kurz.

„Und wer bezahlt hier die Rechnungen?“

„Du findest überall Arbeit.“

„Das sagst du so einfach.“

„Weil es einfach ist.“

Johann spürte, wie ihm die Wut in den Hals stieg.

„Für dich vielleicht. Du hast ja auch niemanden, für den du Verantwortung übernehmen musst.“

Hinnerk wurde rot.

„Du findest immer einen Grund, nicht zu fahren.“

„Und du findest immer einen Grund, vor allem davonzulaufen.“

Eine Weile standen sie einander schweigend gegenüber.

Dann sagte Hinnerk etwas, das Johann noch Jahrzehnte später hören konnte.

„Vielleicht hast du einfach Angst.“

Johann starrte ihn an.

Angst.

Das Wort traf ihn härter, als er zugeben wollte.

Er wusste es nicht.

Und weil er es nicht wusste, wurde er noch wütender.

„Wenn du jetzt gehst“, sagte er, „brauchst du nie wiederzukommen.“

Hinnerk stand einen Augenblick reglos da.

Dann nahm er seine Tasche.

„Dann ist das wohl so.“

Er ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Drei Tage später lief die Nordstern aus.

Johann stand nicht am Hafen.

Er hatte Frühschicht.

* * *

„Und dann ist das Schiff untergegangen?“, fragte Ben.

Johann nickte.

„Vor Norwegen. Ein schwerer Sturm.“

Er erzählte von den ersten Nachrichten, von den Wrackteilen, die man gefunden hatte, und von den Männern, die gerettet worden waren.

Hinnerks Name stand auf einer Liste der Vermissten.

Später hatte es weitere Meldungen über Überlebende gegeben, aber Johann hatte nie erfahren, ob Hinnerk darunter gewesen war.

Hinnerks Eltern waren inzwischen fortgezogen. Die Verbindung zu seiner Familie war abgerissen.

Und Johann hatte nicht nachgefragt.

Anfangs aus Stolz.

Später aus Scham.

Irgendwann war so viel Zeit vergangen, dass er nicht mehr wusste, wie er überhaupt hätte anfangen sollen.

„Warum hast du ihn nicht gesucht?“, fragte Ben.

Johann schaute lange auf die Ems.

„Weil ich ein Feigling war.“

Ben runzelte die Stirn.

„Du hast doch eben gesagt, du hattest keine Angst.“

„Das habe ich damals auch geglaubt.“

Er nahm einen Schluck Tee.

Ben schwieg.

Dann fragte er:

„Und warum sitzt du jetzt immer hier?“

Johann hob das Fernglas.

„Weil ich irgendwann angefangen habe, nach den Schiffen zu schauen. Erst nur manchmal. Später immer öfter.“

Er betrachtete das Wasser.

„Und weil ich nie ganz aufhören konnte zu hoffen.“

* * *

Im August wurde ein neues Kreuzfahrtschiff von der Werft überführt.

Schon am Vormittag waren die Deiche voller Menschen. Fahrräder lehnten an Zäunen, Kinder saßen auf den Schultern ihrer Väter, und aus Thermoskannen wurde Kaffee ausgeschenkt.

Ben hatte Johann überredet, früh zur Bank zu kommen.

Als das Schiff langsam um die Biegung erschien, stand der Junge auf.

„Wahnsinn!“

Die weißen Aufbauten ragten hoch über die Deiche hinaus. Schlepper begleiteten das gewaltige Schiff, während es sich mit kaum merklicher Geschwindigkeit durch den Fluss bewegte.

Johann betrachtete es mit seinem Fernglas.

„An solchen Schiffen habe ich mitgebaut“, sagte er.

„An dem auch?“

„Nein. Da war ich schon in Rente.“

„Aber an anderen?“

Johann nickte.

Ben sah ihn an, als hätte er gerade erfahren, dass der alte Mann neben ihm einmal auf dem Mond gewesen sei.

„Dann hast du ja Schiffe gebaut, mit denen Menschen um die ganze Welt fahren.“

Johann ließ das Fernglas sinken.

„Ja.“

„Und bist du selbst mal mitgefahren?“

„Nein.“

Ben schaute wieder zu dem Schiff.

„Komisch.“

„Was ist komisch?“

„Dass du anderen Leuten ihre Weltreise gebaut hast und deine eigene nie gemacht hast.“

Johann antwortete nicht.

Das Schiff glitt langsam vorbei. Hinter den großen Fenstern waren noch keine Passagiere zu sehen, und auf den Außendecks standen Männer in Arbeitskleidung.

Johann dachte an die vielen Stunden in den Hallen, an die Schweißnähte, die Stahlplatten und die langen Schichten.

* * *

Im September wurde das Gras auf dem Deich dunkler. Die Schafe standen mit dem Rücken zum Wind, und an manchen Tagen trieb der Regen so waagerecht über die Ems, dass selbst die Möwen Schwierigkeiten hatten, dagegen anzufliegen.

Ben kam trotzdem.

Nicht mehr so häufig wie im Sommer. Die Schule hatte wieder begonnen, und manchmal musste er zum Fußballtraining.

Aber wenn er kam, brachte er Tee mit.

Eines Nachmittags saßen sie lange schweigend nebeneinander.

Dann sagte Ben:

„Ich hab nachgedacht.“

Johann zog die Augenbrauen hoch.

„Freiwillig?“

„Sehr witzig.“

„Worüber denn?“

„Über Hinnerk.“

Johann bewegte sich nicht.

„Was ist mit ihm?“

„Wir könnten ihn suchen.“

Der Alte drehte langsam den Kopf.

„Ben, das Schiff ist vor über fünfzig Jahren untergegangen.“

„Ja. Aber du hast doch gesagt, dass später noch Männer gefunden wurden.“

„Das stimmt.“

„Also wissen wir nicht, ob er tot ist.“

Johann schwieg.

Ben zog sein Handy hervor.

„Im Internet kann man ziemlich viel finden.“

„Nach fünfzig Jahren?“

„Warum nicht?“

„Junge, damals gab es noch nicht einmal Computer.“

„Aber Zeitungen gab es.“

Johann betrachtete ihn.

„Und Schiffsregister“, fuhr Ben fort. „Mein Opa sagt, früher wurde so was alles aufgeschrieben.“

„Dein Opa ist ein kluger Mann.“

„Manchmal.“

Sie lachten.

Dann wurde Johann ernst.

„Und wenn wir nichts finden?“

Ben zuckte mit den Schultern.

„Dann haben wir wenigstens gesucht.“

Johann blickte über den Fluss.

„Na gut“, sagte er schließlich.

Ben grinste.

„Dann brauchen wir erst mal den Namen vom Schiff.“

„Die Nordstern.“

„Und wann ist sie untergegangen?“

Johann nannte das Jahr.

Ben tippte.

Damit begann eine Suche, die den ganzen Herbst dauern sollte.

* * *

Zunächst fanden sie fast nichts.

Ben durchsuchte das Internet, probierte verschiedene Schreibweisen und stieß auf Schiffe, die zwar Nordstern hießen, aber zu ganz anderen Zeiten unterwegs gewesen waren.

Einmal fand er einen Bericht über ein Unglück in der Ostsee. Ein anderes Mal ein Foto eines Frachters, der erst zwanzig Jahre nach Hinnerks Verschwinden gebaut worden war.

Johann betrachtete die Ergebnisse geduldig.

„Vielleicht sollten wir es lassen“, sagte er irgendwann.

„Warum?“

„Weil es offenbar nichts bringt.“

Ben klappte den Laptop zu.

„Du hast über fünfzig Jahre gewartet. Da kannst du wohl noch ein paar Wochen suchen.“

Johann musste lachen.

„Du bist ganz schön frech.“

„Sagt meine Mutter auch.“

In der Schule begann Ben, in den Pausen nach dem Schiffsunglück zu suchen.

Mats schaute ihm über die Schulter.

„Was machst du da?“

„Ich suche einen Mann.“

„Wen denn?“

„Einen Seemann. Der ist vor über fünfzig Jahren verschwunden.“

„Warum?“

Ben erzählte ihm von Johann und der Bank auf dem Deich.

„Und du glaubst, der lebt noch?“

„Ich weiß es nicht.“

„Dann ist das Zeitverschwendung.“

Ben antwortete nicht.

Im Englischunterricht fragte er Frau Kramer, ob sie ihm bei einem Brief an ein norwegisches Schifffahrtsmuseum helfen könne. Sie las seinen Entwurf.

„Worum geht es?“

Diesmal erzählte Ben ausführlicher. Von zwei Jungen, die um die Welt segeln wollten. Von einem Streit, einem verschwundenen Schiff und einem alten Mann, der auf einer Bank wartete.

„Das ist eine große Aufgabe“, sagte Frau Kramer.

„Ich weiß.“

„Keine schlechte.“

Sie half ihm mit dem Brief. Am nächsten Tag brachte sie eine alte Seekarte mit und fragte, ob er der Klasse davon erzählen wolle.

„Die lachen doch.“

„Vielleicht.“

Am Freitag stand Ben vor der Tafel. Er hatte drei Bilder dabei: ein altes Frachtschiff, eine Karte der norwegischen Küste und ein Foto von Johanns Bank.

Als er sagte, dass Johann seit über fünfzig Jahren auf seinen Freund wartete, rief jemand aus der letzten Reihe: „Der spinnt doch.“

Einige lachten. Ben spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg. Er wollte sich setzen.

Dann dachte er an die roten Haare, die Sommersprossen und den Holzschuh auf Petersens Hühnerstall.

Er erzählte von zwei Jungen, von einer Blechdose voller Pfennige und einer Karte mit roten Linien.

Als er fertig war, war es still.

Mats meldete sich als Erster. „Ich könnte mal nach alten Fotos von dem Schiff suchen.“

Ein Mädchen aus der zweiten Reihe sagte, ihre Mutter arbeite mit einer Norwegerin zusammen. Sie hieß Liv.

Aus Bens Suche wurde ein kleines Klassenprojekt. Die meiste Arbeit blieb an ihm hängen. Er legte Listen an, verwechselte zwei Schiffe und schickte eine Anfrage zweimal ab.

Eines Nachmittags kam die Antwort eines Schifffahrtshistorikers. Er schrieb, er finde die Geschichte ungewöhnlich, und bot an, in einem alten Register nachzusehen.

Ben las die Nachricht dreimal.

Dann rannte er in die Küche zu seiner Mutter.

„Mama! Der schreibt mir!“

* * *

Ende Oktober traf eine weitere Nachricht ein.

Der Historiker hatte tatsächlich einen Eintrag über die Nordstern gefunden.

Das Schiff war während eines schweren Sturms vor der norwegischen Küste in Seenot geraten. Ein Teil der Besatzung war von einem anderen Schiff aufgenommen worden. Weitere Seeleute hatten in einem Rettungsboot versucht, die Küste zu erreichen.

In den deutschen Meldungen galten mehrere Männer zunächst als vermisst.

Doch der Historiker wies auf einen Vermerk hin, den Ben zunächst übersehen hatte.

Einige Wochen nach dem Unglück waren weitere Überlebende registriert worden. Einer von ihnen hatte offenbar in Norwegen bleiben wollen.

Der Name war in den Unterlagen nur unvollständig verzeichnet.

Ben las den Absatz immer wieder.

Dann fuhr er zu Johann.

Der saß in seiner Küche. Draußen schlug Regen gegen die Fensterscheiben.

Ben legte den Ausdruck vor ihn.

„Ich glaube, wir haben ihn gefunden.“

Johann las langsam.

„Einen Überlebenden?“

„Ja.“

„Aber da steht doch gar kein vollständiger Name.“

„Nein. Aber es könnte Hinnerk sein.“

Johann legte das Blatt auf den Tisch.

„Du hast eben gesagt, ihr habt ihn gefunden.“

Ben spürte, wie ihm heiß wurde.

„Ja. Ich dachte …“

Johann sah ihn lange an.

„Weißt du, was du da mit mir machst?“

Ben schwieg.

„Über fünfzig Jahre lang habe ich mich daran gewöhnt, dass er nicht mehr lebt. Und jetzt kommst du hier herein und sagst, du hättest ihn gefunden.“

„Ich wollte doch nur helfen.“

„Dann sag mir bitte nicht, dass du etwas weißt, wenn du es nur hoffst.“

Ben stand auf.

„Tut mir leid.“

Er nahm seinen Rucksack und ging.

Johann blieb am Tisch sitzen.

Er hörte, wie die Haustür ins Schloss fiel.

Draußen schlug der Regen gegen die Scheiben.

Er betrachtete den Ausdruck.

Dann schob er ihn zur Seite.

* * *

Ben kam nicht mehr.

Nicht am nächsten Tag und auch nicht in der folgenden Woche.

Johann saß wieder allein auf seiner Bank. Der Wind war kälter geworden, und die Schiffe fuhren durch graues Wasser.

Manchmal sah er den Deichweg entlang, wenn ein Fahrrad näherkam.

Es war nie Ben.

Er wusste, dass er den Jungen verletzt hatte.

Eines Nachmittags stand Johann vor Bens Elternhaus.

Er hatte lange gebraucht, um die richtige Straße zu finden, obwohl Ben ihm mehrmals erzählt hatte, wo er wohnte.

Bens Mutter öffnete.

„Johann!“

Sie wirkte überrascht.

„Ist Ben da?“

„Ja. Einen Augenblick.“

Ben kam die Treppe herunter.

Als er Johann sah, blieb er stehen.

„Moin.“

„Moin.“

Johann drehte seine Mütze in den Händen.

„Ich wollte mal fragen, ob du noch weißt, wie die Sache mit Petersens Ruderboot wirklich ausgegangen ist.“

Ben runzelte die Stirn.

„Du hast doch gesagt, ihr musstet den Garten umgraben.“

„Ja. Aber ich habe dir noch nicht erzählt, was Petersen uns am letzten Tag gegeben hat.“

Ben sah ihn an.

„Was denn?“

„Zwei Mark.“

„Wofür?“

„Weil wir seinen Garten so ordentlich gemacht hatten.“

Ben musste lachen.

Johann lächelte.

Dann wurde er ernst.

„Ich hätte dich neulich nicht so anfahren dürfen.“

Ben schaute auf den Boden.

„Ich hätte nicht sagen sollen, dass wir Hinnerk gefunden haben.“

„Nein.“

Johann nickte.

„Aber du hast es gut gemeint.“

Er zögerte.

„Und ich habe mich gefreut, dass du wieder Hoffnung hattest. Ich hatte nur Angst davor.“

Ben sah auf.

„Wollen wir weitersuchen?“

Johann streckte ihm die Hand hin.

„Wenn du noch Lust hast.“

Ben schlug ein.

„Klar.“

* * *

Der erste Frost kam Anfang Dezember.

Auf den Pfützen des Deichwegs lag morgens eine dünne Eisschicht, und die Schafe drängten sich in den Windschatten der Böschung.

Johann saß jetzt seltener auf seiner Bank. Seine Knie machten ihm zu schaffen, und an manchen Tagen blieb er lieber zu Hause.

Ben besuchte ihn dann.

Das kleine Haus stand am Rand des Dorfes. In der Küche tickte eine alte Wanduhr, und auf der Fensterbank standen zwei Orchideen, um die Johann sich mit einer Sorgfalt kümmerte, die er früher für unmännlich gehalten hätte.

An einem Nachmittag kurz vor Weihnachten saßen sie am Küchentisch.

Ben hatte seinen Laptop mitgebracht.

„Ich hab was gefunden.“

Johann sah von seiner Zeitung auf.

„Schon wieder ein Schiffsregister?“

„Nein.“

Ben drehte den Bildschirm zu ihm.

„Livs Mutter hat eine Antwort aus Norwegen bekommen. Von einer Frau, die in einem kleinen Küstenmuseum arbeitet. Sie hat in alten Gemeindeunterlagen nachgesehen.“

„Und?“

„Einer der Männer, die damals gerettet wurden, hat später in einer Bootswerft gearbeitet. In einem kleinen Ort an einem Fjord.“

Johann beugte sich vor.

„Wie hieß er?“

„Das ist das Problem. In den alten Unterlagen steht nur ein Vorname. Henrik.“

Johann sagte nichts.

„Aber die Frau hat noch etwas gefunden.“

Ben öffnete eine zweite Seite.

Es war ein Zeitungsartikel.

Darunter stand das Foto eines alten Mannes.

Er saß auf einer Bank am Wasser.

Hinter ihm erhoben sich dunkle Berge. Kleine Fischerboote lagen an einem Steg, und über dem Fjord hing ein grauer Himmel.

„Die Zeitung hat vor ein paar Jahren über ihn geschrieben“, erklärte Ben. „Weil er fast jeden Tag dort sitzt.“

Johann betrachtete das Bild.

Der Mann hatte weißes Haar, ein schmales Gesicht und tiefe Falten um die Augen.

„Was steht da?“, fragte er.

Ben hatte den Artikel mit Liv und ihrer Mutter übersetzt.

„Er ist als junger Mann nach einem Schiffsunglück nach Norwegen gekommen. Später hat er Boote gebaut. Er war verheiratet, seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben.“

Johann beugte sich noch weiter vor.

„Und warum sitzt er dort?“

Ben las aus seiner Übersetzung.

„Die Journalistin hat ihn gefragt, warum er so oft aufs Wasser schaut.“

Er hielt inne.

„Und?“

„Er hat gesagt: Ich habe einmal jemandem versprochen, mit ihm die Welt zu entdecken.“

Johann legte die Zeitung aus der Hand.

„Lies das noch mal.“

Ben wiederholte den Satz.

Johann nahm seine Brille ab, putzte sie mit dem Taschentuch und setzte sie wieder auf.

„Kannst du das Bild größer machen?“

Ben vergrößerte es.

Johann betrachtete das Gesicht.

Lange.

Dann zeigte er mit dem Finger auf eine kleine Narbe über der linken Augenbraue.

„Die hat er von mir.“

Ben schaute ihn an.

„Was?“

„Wir haben als Kinder mit Holzschwertern gekämpft. Ich habe ihn aus Versehen getroffen.“

Johann fuhr mit dem Finger über die Narbe auf dem Bildschirm.

„Er hat geblutet wie ein abgestochenes Schwein. Und anschließend behauptet, es hätte überhaupt nicht wehgetan.“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

Dann begann seine Hand zu zittern.

„Das ist Hinnerk.“

Ben sagte nichts.

Johann lehnte sich zurück.

Über fünfzig Jahre hatte er sich vorgestellt, wie sein Freund irgendwo auf dem Meeresgrund lag.

Und nun saß Hinnerk auf einer Bank in Norwegen.

Alt geworden.

Genau wie er.

„Der lebt“, flüsterte Johann.

Ben nickte.

„Ja.“

Johann schüttelte ungläubig den Kopf.

„Der alte Dummkopf.“

Er lachte.

Und plötzlich liefen ihm Tränen über die Wangen.

Ben sah diskret zum Fenster hinaus.

Draußen begann es zu schneien.

* * *

Es dauerte noch einige Wochen, bis Johann sich entschloss, einen Brief zu schreiben.

Die norwegische Journalistin hatte angeboten, ihn weiterzuleiten.

Johann saß lange vor einem leeren Blatt Papier.

„Was soll ich denn sagen?“, fragte er.

Ben saß ihm gegenüber.

„Hallo.“

„Nach fünfzig Jahren?“

„Na ja. Vielleicht ein bisschen mehr.“

Sie überlegten gemeinsam.

Schließlich schrieb Johann:

Lieber Hinnerk,

ich weiß nicht, ob du dich noch an unsere letzten Worte erinnerst. Ich habe sie jedenfalls nie vergessen.

Ich habe damals gesagt, du brauchst nie wiederzukommen.

Das war der größte Blödsinn meines Lebens.

Ich habe oft an dich gedacht. An unser Boot auf Petersens Hühnerstall, an die Blechdose und an unsere Weltreise.

Ich habe Lene geheiratet. Wir hatten ein gutes Leben miteinander. Sie ist vor einigen Jahren gestorben. Ich habe Kinder und Enkel und bin ein alter Mann geworden.

Aber manchmal sitze ich auf dem Deich und schaue auf die Ems.

Wenn du noch Lust hast, würde ich gerne mit dir einen Tee trinken.

Dein Johann.

Drei Wochen später kam die Antwort.

Ein Umschlag mit einer norwegischen Briefmarke.

Johann öffnete ihn mit einem Küchenmesser.

Darin lag ein einzelnes Blatt Papier.

Die Handschrift war zittrig.

Mein lieber Johann,

du alter Dickschädel.

Ich habe mehr als fünfzig Jahre darauf gewartet, dass du endlich zur Vernunft kommst.

Natürlich erinnere ich mich an unseren Streit.

Ich habe damals auch Dinge gesagt, die ich besser für mich behalten hätte.

Ich bin nicht zurückgekommen, weil ich dachte, du wolltest mich nicht mehr sehen. Und irgendwann war so viel Zeit vergangen, dass ich nicht mehr wusste, wie ich den ersten Schritt machen sollte.

Ich habe hier ein gutes Leben gehabt. Meine Frau war ein wunderbarer Mensch. Wir hatten zwei Kinder. Sie leben inzwischen weit weg.

Aber manchmal sitze ich am Fjord und schaue aufs Wasser.

Ich habe oft an dich gedacht.

An unser Boot auf Petersens Hühnerstall.

An die Blechdose.

Und an unsere Weltreise.

Die haben wir übrigens immer noch nicht gemacht.

Dein Hinnerk.

P.S. Auf der Rückseite steht meine Nummer.

Johann las den Brief dreimal.

Dann reichte er ihn Ben.

Der las ihn und grinste.

„Siehst du.“

„Was?“

„Standby.“

Johann lachte.

„Ja, Junge. Standby.“

* * *

An einem sonnigen Nachmittag im Mai saßen Johann und Ben wieder auf der Bank.

Die Ems glänzte im Gegenlicht. Ein großes Kreuzfahrtschiff wurde langsam von Schleppern flussabwärts begleitet. Seine weißen Aufbauten ragten hoch über die grünen Deiche hinaus, und auf beiden Seiten des Flusses hatten sich Menschen versammelt, um die Überführung zu beobachten.

Johann kannte diese Bilder seit Jahrzehnten.

Früher hatte er manchmal gedacht, dass die Menschen auf diesen Schiffen in die Welt hinausfuhren, während er zurückblieb.

Heute betrachtete er das Schiff mit anderen Augen.

Ben hatte sein Handy auf den Knien.

„Und?“, fragte er.

„Was und?“

„Wann fährst du hin?“

Johann betrachtete das Schiff.

„Nach Norwegen?“

„Nein, nach Borkum. Natürlich nach Norwegen.“

Johann schwieg.

„Ich bin ein alter Mann, Ben.“

„Das weiß ich.“

„Meine Knie sind nicht mehr die besten.“

„Meine Oma sagt, du sollst nicht immer so viel jammern.“

„Deine Oma ist eine sehr kluge Frau.“

Ben grinste.

Dann wurde er ernst.

„Johann, ihr habt euch doch mal versprochen, zusammen mit einem Schiff in die Welt zu fahren.“

„Ja.“

„Und warum macht ihr das jetzt nicht?“

Johann sah ihn ungläubig an.

„Junge, wir sind zusammen fast hundertsechzig Jahre alt.“

„Na und?“

„Na und?“

„Es gibt doch Kreuzfahrtschiffe. Da musst du nicht selbst rudern.“

Johann lachte so laut, dass sich zwei Schafe erschrocken umdrehten.

„Du bist vielleicht einer.“

Ben zuckte mit den Schultern.

„Ich meine ja nur.“

Eine Weile schauten sie auf die Ems.

Dann sagte Johann:

„Weißt du, was das Verrückte ist?“

„Was?“

„Ich habe mein ganzes Leben gedacht, Hinnerk sei irgendwo draußen auf dem Meer geblieben. Und dabei hat er genauso auf das Wasser geschaut wie ich.“

Ben nickte.

„Nur von der anderen Seite.“

Johann betrachtete ihn.

„Ja. Nur von der anderen Seite.“

Das Schiffshorn dröhnte über den Fluss.

Johann sah Ben an.

„Sag mal, Junge. Hast du eigentlich inzwischen jemanden gefunden, mit dem du einmal die Welt entdecken willst?“

Ben überlegte.

Er dachte an Mats, an Liv, an Frau Kramer und an die vielen Menschen, die bei der Suche geholfen hatten.

„Ich glaube, ich habe sogar mehrere.“

Johann lächelte.

„Dann pass gut auf sie auf.“

Ben nickte.

Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander.

Dann stand Ben auf und schulterte seinen Rucksack.

„Ich muss los. Hab noch Hausaufgaben.“

„Na dann.“

Ben ging ein paar Schritte, blieb stehen und drehte sich um.

„Johann?“

„Ja?“

„Was ist eigentlich aus eurer Blechdose geworden?“

„Die steht noch im Schrank.“

„Mit den achtundvierzig Mark?“

„Und siebzig Pfennig.“

Ben grinste.

„Dann würde ich mal anfangen zu sparen.“

Er schwang sich auf sein Fahrrad und fuhr davon.

Johann blieb sitzen.

Er schaute dem Jungen nach, bis dieser hinter der Deichkurve verschwunden war.

Dann zog er den Brief aus der Manteltasche, den er seit Wochen bei sich trug.

Auf der Rückseite stand eine Nummer mit norwegischer Vorwahl.

Er nahm sein Handy und tippte sie langsam ein.

Es klingelte lange.

Schließlich meldete sich eine brüchige Stimme.

„Hallo?“

Johann schluckte.

„Hinnerk?“

Am anderen Ende blieb es still.

Dann hörte er ein leises Lachen.

„Johann?“

„Ja.“

Wieder Schweigen.

Schließlich räusperte sich Johann.

„Sag mal, Hinnerk …“

„Ja?“

„Hast du eigentlich noch Lust auf unsere Weltreise?“

Am anderen Ende der Leitung war es einen Augenblick still.

Dann hörte Johann seinen alten Freund lachen.

Dieses Lachen.

Er hätte es unter tausend anderen erkannt.

„Du alter Dummkopf“, sagte Hinnerk.

„Was denn?“

„Ich habe doch die ganze Zeit auf dich gewartet.“

„Hinnerk?“

„Ja?“

„Ich glaube, wir sollten uns beeilen.“

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