Wenn es nach seiner Frau gegangen wäre, hätte Gerrit den Sonntag mit der Familie verbracht. Gemütlich frühstücken. Ein Spaziergang. Nachmittags Kaffee und Kuchen. So, wie es sich für einen anständigen Großvater gehörte.
Gerrit hatte andere Pläne. Er besaß ein Motorboot. Nicht groß, nicht schnell, nach Meinung seiner Frau auch nicht schön. Aber es schwamm, und es hatte einen Motor. Für Gerrit waren damit alle Voraussetzungen erfüllt.
Das Boot lag an einem kleinen Anleger hinter dem Haus, wo einer der ostfriesischen Kanäle vorbeizog. Gerrit liebte diese Kanäle. Die schmalen Wasserwege, die Klappbrücken, die Wiesen mit den Kühen, die den Booten mit der Gleichgültigkeit zusahen, die nur Kühe beherrschen. Hier gab es keine Termine, keine Vorträge über gesunde Ernährung und niemanden, der ihn daran erinnerte, dass der Rasen gemäht werden müsste.
Also verschwand Gerrit sonntags. Am liebsten mit den Enkeln. Die fanden ihren Opa großartig, und das lag nicht an den Süßigkeiten. Er tat, was andere Erwachsene verboten. Er ließ sie steuern. Er erlaubte ihnen, die Füße ins Wasser zu halten, wenn das Boot stillag. Und er sagte, man müsse im Leben etwas ausprobieren, bevor man behaupten könne, es funktioniere nicht.
Seine Frau nannte das Leichtsinn. Gerrit nannte es Lebenserfahrung.
Nur eine Regel galt ohne Verhandlung. Seine Enkel trugen im Boot eine Schwimmweste.
An diesem Sonntag hatte er drei Enkel eingesammelt. Henrike, zwölf, die Erwachsene gern auf offensichtliche Fehler hinwies. Tom, zehn, der alles für eine gute Idee hielt, solange es verboten aussah. Und Finn, acht, dessen wichtigste Frage bei jeder Unternehmung lautete, wann es etwas zu essen gebe.
„Wir sind zum Kaffee zurück!“, rief Gerrit seiner Frau zu.
„Das hast du letzten Sonntag auch gesagt!“
„Da war Gegenwind!“
„Auf dem Kanal?“
„Wind ist Wind!“
Er startete den Motor. Die Kinder jubelten.
* * *
Es war ein herrlicher Sonntag. Die Sonne schien über Ostfriesland, weiße Wolken zogen, das Boot tuckerte durch den Kanal. Links standen Kühe. Rechts standen Kühe. Dazwischen lag Wasser. Gerrit fand, schöner konnte es nicht sein.
Nach einer guten Stunde zeigte Henrike nach vorn.
„Opa? Die Brücke da vorne.“
„Was ist damit?“
„Die ist ziemlich niedrig.“
Eine kleine Straßenbrücke überspannte den Kanal. Gerrit kannte sie. Er war oft darunter durchgefahren.
„Da passen wir durch.“
Henrike sah die Brücke an. Dann das Boot. Dann wieder die Brücke.
„Bist du sicher?“
„Natürlich.“
„Das Wasser steht aber hoch.“
Gerrit sah genauer hin. Tatsächlich. Der Wasserstand war höher als sonst. Deutlich höher.
Er nahm das Gas zurück. Das Boot glitt auf die Brücke zu. Gerrit stand auf, musterte die Unterkante und dann den höchsten Punkt seines Bootes. Er kratzte sich am Kopf.
„Hm.“
Henrike kannte dieses Hm. Erwachsene benutzten es, wenn ein Kind recht hatte.
„Wir passen nicht durch.“
„Im Moment nicht.“
„Was heißt im Moment?“
Gerrit antwortete nicht. Er sah die Brücke an. Dann das Boot. Dann die Brücke.
„Müssen wir umdrehen?“, fragte Tom.
Gerrit sah ihn an, als hätte er vorgeschlagen, das Boot auf dem Marktplatz zu verbrennen.
„Umdrehen?“
„Die Brücke ist zu niedrig.“
„Die Brücke ist nicht zu niedrig.“
„Opa!“
„Das Boot liegt zu hoch.“
Die Kinder sahen einander an. Finn fragte vorsichtshalber, ob es jetzt etwas zu essen gebe.
* * *
Gerrit legte am Ufer an und stieg aus. Er ging ein paar Schritte die Straße entlang, sah die Brücke von oben an und kam zurück.
„Ich habe eine Idee.“
Henrike seufzte. Auch diesen Satz kannte sie.
„Was für eine?“
„Wir müssen das Boot schwerer machen.“
„Wie denn?“, fragte Tom begeistert.
Gerrit zeigte auf die Straße.
„Mit Menschen.“
Henrike sah ihn an. Tom auch. Finn kaute auf seiner Unterlippe.
„Mit was?“
„Mit Menschen.“
„Opa, du kannst nicht einfach Menschen in unser Boot laden!“
„Warum nicht?“
„Weil …“
Henrike suchte ein Argument. Ihr fiel keines ein, das ihren Großvater beeindruckt hätte. Er war schon unterwegs zur Straße.
* * *
Das erste Auto hielt nicht an. Das zweite auch nicht. Beim dritten stellte sich Gerrit so entschlossen an den Straßenrand, dass der Fahrer bremste. Gerrit hob die Hand. Die Scheibe wurde heruntergekurbelt.
„Moin!“
„Moin.“
„Haben Sie fünf Minuten?“
Der Fahrer sah auf die Uhr. „Wofür denn?“
„Ich brauche Ihr Gewicht.“
Der Mann starrte ihn an. „Wie bitte?“
„Nicht auf der Waage. Im Boot.“
Der Fahrer blickte zum Kanal. Dort lag ein kleines Motorboot mit drei Kindern, die ihn erwartungsvoll ansahen.
„Was soll ich denn in Ihrem Boot?“
„Wir müssen unter der Brücke durch.“
Der Mann sah die Brücke an. Dann das Boot. Dann Gerrit. Schließlich stieg er aus.
„Das will ich sehen.“
Wenige Minuten später saß er im Boot. Gerrit prüfte zufrieden die Wasserlinie.
„Sehen Sie? Schon ein Stück tiefer.“
Henrike hielt sich die Hand vor den Mund. Tom lachte. Finn fragte, ob der Mann Kekse dabeihabe.
Dann hielt das nächste Auto. Eine Frau fragte, ob etwas passiert sei.
„Nein, nein. Wir brauchen nur noch etwas Gewicht.“
„Gewicht?“
„Für die Brücke.“
Sie stieg aus, ihr Mann auch. Bald stand eine kleine Gruppe am Ufer. Ein Radfahrer hielt an. Zwei Spaziergänger blieben stehen. Ein älterer Herr mit Hund fragte, ob es sich um eine Rettungsübung handle.
„Nein“, sagte Gerrit. „Wir fahren nur Boot.“
Der Herr sah auf die inzwischen ziemlich volle Nussschale. „Mit denen allen?“
„Nur bis hinter die Brücke.“
„Ach so.“ Er nickte langsam. „Darf ich auch mit?“
„Was wiegen Sie denn?“
„Achtundneunzig Kilo.“
Gerrit strahlte. „Ausgezeichnet!“
Der Kanal war an dieser Stelle kaum hüfttief. Gerrit wusste das. Sonst hätte er keinen Fremden an Bord gelassen.
* * *
Als der Bus kam, war aus der Sache eine kleine Veranstaltung geworden. Der Busfahrer bremste. Am Straßenrand standen Autos, an der Brücke drängten sich Menschen, ein Mann winkte. Er öffnete die Tür.
„Was ist denn hier los?“
„Moin! Wir haben ein kleines Problem. Mein Boot passt nicht unter der Brücke durch.“
„Und was soll ich da machen?“
Gerrit lächelte freundlich. „Haben Sie Fahrgäste?“
Der Fahrer sah ihn an. Dann begann er zu lachen.
„Das meinen Sie nicht ernst.“
„Doch. Wir brauchen nur ein paar Leute.“
Der Busfahrer drehte sich zu den Fahrgästen um.
„Meine Damen und Herren, wir haben hier offenbar ein kleines Schifffahrtsproblem.“
Einige standen auf. Andere blieben sitzen. Eine ältere Dame fragte, ob sie jetzt umsteigen müsse.
„Nur vorübergehend“, sagte der Busfahrer.
Gerrit war in seinem Element. Er dirigierte, er erklärte, er wies Plätze zu.
„Sie bitte nach vorne!“
„Nicht alle auf eine Seite!“
„Der Herr mit der grünen Jacke noch ein Stück nach hinten!“
„Und Sie bleiben bitte sitzen, sonst verändert sich die Wasserlinie!“
Henrike saß zwischen zwei fremden Frauen und wusste nicht, ob sie lachen oder sich schämen sollte. Tom fand es großartig. Finn hatte von einer Busreisenden ein Butterbrot bekommen. Für ihn war der Ausflug ein voller Erfolg.
* * *
Das Boot lag immer tiefer. Gerrit sah zur Brücke. Noch ein Stück. Er bat zwei weitere Männer einzusteigen. Das Boot sank ein wenig.
„Jetzt müsste es gehen.“
„Opa!“, rief Henrike. „Das ist völlig verrückt!“
Gerrit grinste. „Kann sein. Aber verrückt ist nicht automatisch falsch.“
Am Ufer holten Zuschauer ihre Handys heraus. Eine Frau filmte. Ein Mann rief über die Köpfe: „Meine Damen und Herren, wir erleben den ersten ostfriesischen Linienbus auf dem Wasser!“ Die Umstehenden lachten.
Gerrit setzte sich ans Steuer und ließ den Motor langsam laufen. Das Boot schob sich auf die Brücke zu. Alle duckten sich. Nur der Motor tuckerte. Die Brücke kam näher. Noch näher. Ein paar Zentimeter blieben. Gerrit nahm das Gas fast ganz zurück.
Der Bug glitt unter die Brücke. Die ersten Köpfe verschwanden im Schatten.
„Bauch einziehen!“, rief jemand.
„Hilft bei mir nicht mehr!“ Am Ufer lachten sie.
Das Boot glitt hindurch. Langsam, Zentimeter für Zentimeter, voll besetzt mit Menschen, die sich vor einer halben Stunde noch nicht gekannt hatten. Als auch das Heck die Brücke passiert hatte, brach am Ufer Jubel aus. Die Leute klatschten, einige pfiffen. Der Busfahrer hupte.
Gerrit hob triumphierend die Hand. „Seht ihr!“
Henrike starrte ihn an. „Opa, das glaubt uns kein Mensch.“
„Müssen sie ja auch nicht.“
* * *
Hinter der Brücke legte er wieder an. Die Passagiere stiegen aus, einer nach dem anderen. Gerrit gab jedem die Hand.
„Vielen Dank!“
„Gern geschehen!“
„War mir eine Ehre!“
„So etwas habe ich auch noch nicht erlebt!“
Der Mann mit den achtundneunzig Kilo sagte, er sei seit vierzig Jahren nicht mehr Boot gefahren. Die ältere Dame aus dem Bus wollte es ihren Freundinnen beim nächsten Kaffeetrinken erzählen. Der Busfahrer sah auf die Uhr.
„So. Sonst fragt die Zentrale, wo ich geblieben bin.“
„Bestellen Sie schöne Grüße.“
„Von wem?“
„Von der Schifffahrt.“
Der Busfahrer lachte. Dann fuhren die Autos weiter, der Bus setzte sich in Bewegung, die Radfahrer stiegen auf. Nach wenigen Minuten war die Straße leer. Als wäre nichts geschehen.
Gerrit saß am Steuer. Henrike, Tom und Finn hatten ihre Plätze wieder eingenommen. Eine Weile sagte niemand etwas.
„Opa?“, fragte Tom.
„Ja?“
„War das eigentlich erlaubt?“
Gerrit sah auf den Kanal.
„Gute Frage.“
„Und?“
„Ich würde sagen, wir sind jetzt durch.“
* * *
Am späten Nachmittag saß die Familie auf der Terrasse. Gerrits Frau hatte Kaffee gekocht. Seine Tochter sah auf die Uhr.
„Na endlich!“
„Wir hatten ein kleines Problem mit einer Brücke“, sagte Gerrit.
„Natürlich“, sagte seine Frau. Sie kannte ihren Mann.
Henrike platzte vor Aufregung. „Mama! Du glaubst nicht, was Opa gemacht hat! Er hat einen ganzen Bus angehalten!“
„Was?“
„Und Autos!“, rief Tom. „Und alle mussten in unser Boot steigen!“
„Ich habe ein Butterbrot bekommen!“, sagte Finn.
„Jetzt erzählt keinen Unsinn.“
„Aber es stimmt! Opa hat die Leute eingeladen, damit das Boot tiefer ins Wasser kommt!“
Gerrits Frau stellte langsam die Tasse ab.
„Gerrit?“
Er nahm sich ein Stück Kuchen. „Ja?“
„Was hast du gemacht?“
„Wir mussten unter einer Brücke durch.“
„Und?“
„War ein bisschen eng.“
„Gerrit!“
Er zuckte die Schultern. „Hat doch geklappt.“
Die Tochter lachte ungläubig. „Papa, du hast wildfremde Menschen in dein Boot geladen, damit du unter einer Brücke durchkommst?“
„Ja.“
„Wie viele?“
„Weiß nicht genau.“
„Zehn?“
„Kann sein.“
„Fünfzehn?“
„Vielleicht.“
Seine Frau schloss die Augen. „Ich fasse es nicht.“
Der Schwiegersohn hatte bisher schweigend zugehört. Jetzt vibrierte sein Handy. Eine Nachricht von einem Freund. Er öffnete sie, sah auf den Bildschirm und fing an zu lachen. Er lachte so, dass ihm das Handy fast aus der Hand fiel.
„Was ist denn?“, fragte seine Frau.
Er konnte nicht antworten. Er hielt ihnen das Display hin.
Ein kleines Motorboot, voll besetzt mit Menschen. Sehr voll. Am Steuer ein alter Mann. Über dem Video stand „Ostfriesischer Kapitän löst Brückenproblem auf seine Weise!“ Darunter standen 60.000 Aufrufe.
Im Video lachten Menschen. Jemand rief „Bauch einziehen!“ Dann glitt das Boot unter die Brücke. Jubel. Applaus. Ein triumphierender Gerrit.
Die Tochter schlug die Hände vors Gesicht. „Papa! Das ist nicht zu glauben!“
Gerrits Frau sah ihn lange an.
„Und wenn das schiefgegangen wäre?“
Gerrit trank einen Schluck Kaffee. Er sah seine Frau an, seine Tochter, die Enkel. Dann das Handy, auf dem sein Boot zum einundsechzigtausendsten Mal unter der Brücke hindurchfuhr.
„Ist es aber nicht.“
Sie wollte etwas sagen. Da begann Finn zu lachen. Dann Tom. Dann Henrike. Dann der Schwiegersohn. Und irgendwann konnte auch Gerrits Frau nicht mehr an sich halten.
„Gerrit, du bist unmöglich.“
„Das sagst du seit fünfzig Jahren.“
„Und ich habe immer noch recht!“
Gerrit nahm sich ein zweites Stück Kuchen und beugte sich zu den Enkeln.
„Nächsten Sonntag fahren wir wieder.“
Die drei jubelten. Seine Frau fuhr herum. „Gerrit!“
Er hob beschwichtigend die Hand. „Keine Sorge.“
Dann zwinkerte er den Kindern zu.
„Diesmal nehmen wir gleich ein paar Leute mit.“
