Meine wichtigsten Gedanken…

77 Prozent. Und was wir daraus machen könnten.

Die Zahlen liegen auf dem Tisch. Gallup hat sie gerade veröffentlicht.
77 Prozent der Beschäftigten in Deutschland haben eine schwache emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber.

Sie kommen zur Arbeit. Sie tun was nötig ist. Sie gehen.
13 Prozent haben innerlich bereits vollständig gekündigt. Nur 10 Prozent (!!) einer von zehn, gehen morgens mit echter Bindung zur Arbeit.
Der volkswirtschaftliche Schaden. Mindestens 119 Milliarden Euro jährlich.

Ich lese diese Zahlen nicht als Statistik. Ich lese sie als menschliche Aussage und kann die Bedeutung fühlen.
77 Prozent Menschen die gelernt haben dass es sich nicht lohnt mehr zu geben als verlangt wird. Das ist keine Faulheit. Das ist eine Antwort. Eine rationale, bittere, vollkommen verständliche Antwort auf etwas das ihnen passiert ist.
Die Frage ist. Was?

Wie konnte das passieren?

Führung wurde zur Verwaltung.
Irgendwann in den letzten Jahrzehnten hat sich etwas verschoben. Führungskräfte begannen Kennzahlen zu managen statt Menschen zu führen. KPIs ersetzten Gespräche. Dashboards ersetzten Vertrauen. Quartalsberichte ersetzten Vision.
Restrukturierung folgte auf Restrukturierung. Versprechen wurden gemacht und gebrochen.
Nicht aus Bosheit sondern aus Gleichgültigkeit. Mitarbeiter erfuhren Veränderungen nicht im Gespräch sondern in Präsentationen. Nicht als Partner sondern als Betroffene.
Und dann kam die Entkopplung vom Sinn.
Was produzieren wir eigentlich? Wofür stehen wir? Was bleibt wenn die Quartalszahlen stimmen aber niemand mehr weiß warum er morgens aufsteht?
Gallup sagt es klar… Nur 21 Prozent der Beschäftigten vertrauen ihrer Führungskraft uneingeschränkt. Vor vier Jahren waren es noch 41 Prozent. Das ist kein schleichender Trend. Das ist ein Einbruch. Ein Vertrauenszusammenbruch in einem Ausmaß das uns angesichts unserer Herausforderungen eigentlich den Atem verschlagen müsste.

Was ich auf der Werft gelernt habe.

In den fast fünf Jahrzehnten die ich auf der Werft gearbeitet habe, erlebte ich oftmals etwas, das mich bis heute nicht loslässt.
Wenn auf einem Schiff z.B ein Brand ausbrach und alle Termine Makulatur zu werden drohten, wenn es schwerwiegende technische Probleme gab, ein Ablieferungstermin in Gefahr geriet, wenn die Krise kam, dann passierte etwas bemerkenswertes.
Etwas das im Organigramm nicht vorgesehen war.

Die Hierarchien, die Kommandostrukturen lösten sich auf.

Der Schweißer redete direkt mit dem Projektleiter. Der Meister übernahm Verantwortung die drei Ebenen über ihm angesiedelt war. Das allgegenwärtige starren auf Vorgaben und Vorschriften war nicht mehr allein bestimmend.
Niemand fragte nach Zuständigkeit. Alle fragten. Was braucht ihr? Was kann ich tun?
Menschen die sonst nebeneinander her arbeiteten wurden plötzlich zu einem Organismus. Die titanische Kraft dieser Werft, – sie zeigte sich nicht unbedingt in den ruhigen Zeiten. Sie zeigte sich wenn es brannte. Wortwörtlich und im übertragenen Sinne.
Und dann, sobald die Krise vorbei war, kehrten dieselben Menschen zurück in ihre Schubladen. Die Strukturen regenerierten sich. Schneller als die Erkenntnis was gerade möglich gewesen war.

Das hat mich immer fassungslos gemacht.
Nicht die Krise. Sondern die Rückkehr zur Normalität danach. Als wäre nichts gewesen. Als hätte niemand gesehen was Menschen leisten können wenn man ihnen vertraut, wenn gemeinsamer Zweck wichtiger ist als Dienstweg. Ich weiß das viele Koleginnen und Kollegen die in den Betrieben verwurzelt sind dasselbe beobachten können.

Wunder sind nicht kalkulierbar. Deshalb sind sie unerwünscht.
Weil sie beweisen dass die Normalstruktur suboptimal ist. Weil sie zeigen dass Kontrolle als Führungsprinzip versagt wo Vertrauen Berge versetzt. Weil sie Führungskräfte in Frage stellen die sich über Hierarchie definieren statt über Wirkung.

Also werden diese außerordentlichen Leistungen bewundert. Und vergessen.

Die Vision.

Ich bin kein Romantiker.
Und ich habe schon seit Jahren keine Geduld für Motivationsplakate oder übliches Coaching.
Aber ich glaube an etwas das ich mit eigenen Augen gesehen habe.
Menschen wollen mehr geben als sie dürfen.
Das ist die eigentliche Botschaft hinter den Gallup-Zahlen. Nicht Faulheit, sondern eingelernte Resignation. Nicht Desinteresse sondern enttäuschtes Engagement das irgendwann aufgehört hat zu klopfen weil niemand die Tür geöffnet hat.
Die Frage ist nicht wie man Mitarbeiter motiviert. Motivation ist schon da, sie wird nur in unseren heutigen Strukturen systematisch zerstört.

Die Frage ist… Was müssen wir aufhören zu tun?

Wir müssen aufhören Führung mit Kontrolle zu verwechseln.
Aufhören Vertrauen als Risiko zu behandeln statt als Kapital.
Aufhören Menschen in Strukturen zu pressen die ihnen signalisieren, dass ihre Arbeitskraft aber nicht ihre Meinung gefragt ist.
Aufhören Erfahrung und Innovation als Gegensatz zu sehen.
Aufhören den Einsatz der Menschen als nicht relevant anzusehen.

Was stattdessen?


Führung die wieder Beziehung wagt. Die fragt bevor sie anordnet. Die Fehler eingesteht weil sie weiß dass Glaubwürdigkeit mehr wert ist als Unfehlbarkeit. Die den Menschen sieht, nicht die Ressource. Die nicht auf die nächste Krise wartet um das Beste aus Menschen herauszuholen, sondern die Bedingungen der Krise als Normalzustand gestaltet.
Vertrauen. Klarheit. Gemeinsamer Zweck.
Aufgelöste Hierarchie wo sie hindert.
Das ist keine Utopie. Das habe ich erlebt.
In einer Werft in Papenburg wenn es darauf ankam.
Es hat funktioniert.
Es kann wieder funktionieren. Aber nur wenn Führung aufhört sich selbst wichtiger zu nehmen als die Menschen die sie führt.
119 Milliarden Euro jährlich.
Das ist der Preis den wir zahlen für Führung die Menschen klein hält.
Die Rechnung ist eindeutig.

Meine wichtigsten Gedanken…

Man muss kein Held sein…

Man muss kein Held sein.
Heute war Ostermarsch in Oldenburg. Wir hatten einen anderen Termin und sind langsam vorbeigefahren.
Ich habe die Plakate oberflächlich gezählt. USA, USA, USA. NATO. Trump.
Und mir fehlte etwas,- Mehr Russland. Mehr Putin.
Die Raketen die auf Kyjiw fallen. Die Kinder in den Kellern.
Ich sage das nicht um den wichtigen Marsch kleinzureden.
Ich sage es weil Glaubwürdigkeit unteilbar ist. Wer Frieden will muss alle Aggressoren beim Namen nennen. Sonst wird aus Haltung Selektivität. Und Selektivität ist keine Haltung — sie ist Komfort.
Und dann ertappe ich mich selbst.
Weil die Enttäuschung über das heutige Amerika gerade so tief sitzt dass sie ungerecht macht.
Es ist leicht. Ein extrem engstirniger Mensch (Minister Hegseth) im Pentagon. Tech Milliardäre aus dem Silicon Valley die sich Demokratien kaufen wie Ferienhäuser.
Eine Elite die Stärke brüllt und Verantwortung flüstert.
Aber dann halte ich in meinem Furor inne.
Weil ich die anderen vergesse.
Amerika hat Menschen hervorgebracht die die Welt verändert haben, nicht durch Macht, durch Geld, durch Geschrei sondern durch Haltung.

Toni Morrison die geschrieben hat was Amerika über sich selbst nicht hören wollte. James Baldwin der aus Paris zurückschaute auf sein Land — ohne Illusion, ohne Hass, mit einer Klarheit die wehtut.
Harper Lee die mit einem einzigen Buch einer ganzen Generation gezeigt hat was Gerechtigkeit bedeutet.
Martin Luther King der nicht mit Waffen kämpfte sondern mit Worten und der wusste dass er dafür sterben könnte.
Rosa Parks die einfach sitzen blieb. John Lewis der immer wieder aufstand, immer wieder verprügelt wurde, und nie aufgehört hat zu glauben.
Die Wissenschaftler.
Jonas Salk der den Polio-Impfstoff entwickelte und ihn nicht patentieren ließ. Er hätte Milliarden verdienen können. Wären Menschen wie Trump, Musk, Zuckerberg, Thiel oder Bezos auch nur ansatzweise auf einen solchen Gedanken gekommen?
Richard Feynman der Physik erklären konnte wie ein Geschichtenerzähler. Barbara McClintock die jahrzehntelang belächelt wurde und trotzdem weiterforschte, bis der Nobelpreis kam.
Die Unbequemen. Noam Chomsky. Susan Sontag.
T.C. Boyle der in Romanen wie “América” oder “The Tortilla Curtain” geschrieben hat was Amerika über Einwanderung und soziale Kälte nicht hören wollte und der nie aufgehört hat unbequeme Fragen zu stellen. Neil Young der seine Musik von Spotify nahm weil er Haltung wichtiger fand als Reichweite.

Und die Stillen. Die Millionen Lehrer, Ärzte, Sozialarbeiter, Nachbarn die jeden Tag das Land zusammenhalten das gerade so laut auseinanderzufallen scheint.

Das lässt sich nicht wegdiskutieren.
Und dann liegt es vor mir auf dem Tisch. Dick. Abgegriffen. Der Rücken leicht gebrochen, die Seiten wellig vom Lesen. Jemand hat dieses Buch vor mir in den Händen gehalten, vielleicht mehrere. Man sieht es ihm an.
Norman Schwarzkopf. “It Doesn’t Take a Hero.” 1992.
Schwarzkopf gehört in diese Reihe. Ein General der nach dem größten Triumph seiner Karriere sagte: Ich bin kein Held. Hört auf damit.
Er hat Vietnam erlebt. Er hat Führungsversagen aus nächster Nähe gesehen, Menschen die Dienstgrad mit Charakter verwechselt haben. Er hat geschworen, nicht so.
Ein Mensch der bei den heute mächtigen in den USA in Ungnade fallen würde.
Seine Rückschlüsse aus dem Erlebnis des Krieges ist keine militärische Lektion. Das ist eine menschliche.
Wir leben in einer Zeit die Führung mit Inszenierung verwechselt. Die Lautstärke für Entschlossenheit hält. Die Fehler eingestehen für Schwäche erklärt. Minister Hegseth steht dafür. Laut, selbstgewiss, aber ohne jede Substanz.
Schwarzkopf war das Gegenteil.
Nicht die Pose. Nicht der Auftritt. Sondern die Frage die sich jeder selbst stellen muss, in der Sitzung, im Gespräch, im Spiegel. Stehe ich auf wenn etwas falsch ist? Oder schaue ich weg?
Verlässlichkeit ist keine Tugend. Sie ist Charakter. Ein Wort ist ein Wort.
Man muss kein Held sein. Man muss nur der sein, der aufsteht.

Man muss kein Held sein…

Was wäre wenn…

Manchmal frage ich mich…

Was wäre gewesen, wenn wir die technologischen Möglichkeiten der letzten Jahrzehnte nicht immer wieder und zu oft als Ersatz für Erfahrung verstanden hätten, sondern als deren Verstärkung?

Wenn computergestützte Planung, Controlling und Messtechnik nicht zu oft dazu gedient hätten, Menschen zu kontrollieren, sondern sie besser zu machen.
Wenn man sich nicht über die Strukturen des Meisterbetriebes lustig gemacht, diese nicht abgewickelt hätte wie ein Auslaufmodell, sondern begriffen hätte, was er war.
Ein System aus Vertrauen, Können und Verantwortung.

Was wäre gewesen, wenn wir die Facharbeit nicht hätten „motivieren“ müssen, weil sie längst motiviert war.
Weil sie wusste, wofür sie arbeitet. Für das Produkt. Für das Team. Für sich selbst.

Wir wollten Effizienz und haben zu oft Bindung verloren.
Wir wollten Steuerung und haben zu oft Haltung ersetzt.

Wir hätten beides haben können.
Technologie, die Maßstäbe setzt.
Und eine Kultur, die sich verändert hätte und trägt.

Dann wären viele Betriebe keine Sanierungsfälle geworden.
Sondern das, was sie hätten sein können.
Leuchttürme.
Für Märkte. Für Menschen. Für Sinn.

Es ist nicht zu spät.
Die Erfahrung ist noch da.
In den Händen.
In den Köpfen.
In den Geschichten.

Man müsste sie nur fragen – oder?

Was wäre wenn…

Wer kämpft gewinnt. Auch wenn er falsch liegt

Aufmerksam zuhörend verfolgte ich an unser Auto gelehnt eine Diskussion an der Waschanlage bei uns im Ort.
Die beiden Diskutanten waren auswärtige und beachteten den Zuhörer kaum.
Zuhören und aufnehmen was passiert, das tue ich in letzter Zeit oft mit großer Aufmerksamkeit um zu verstehen was geschieht.
Nicht in der großen weiten Welt, oder in den Oberzentren, sondern auch in unserem ländlichen Bereich.

Zwei Welten trafen dort an der Waschanlage aufeinander.

Der eine. Selbstbewusst, angriffslustig, mit einem Gesichtsausdruck des Gewinners.
Seine rechte Gesinnung hing an ihm wie Mehltau.
Höhnisch den Staat verachtend, zutiefst destruktiv mit Methode.
Er brauchte keine Lösung. Er brauchte nur den Finger in die Wunde und diesen erhobenen Finger zeigte er oft und fuchtelte damit herum.
Ich dachte bei mir, das es schon einmal Zeiten gegeben hat, wo ausgestreckte Körperteile benutzt wurden.

Der andere. Ein mittelalter Mann. Legere Business Kleidung.
Er gab sich, wenn ich dies durch das Röhren eines abfahrenden Audi Sportwagens richtig verstanden habe, als Kreistagsmitglied aus.
Relativierend, verteidigend, erklärend. Ausweichend, wenn es konkret wurde.
Voller Vorsicht an den falschen Stellen z.B bei Problemen bei der Migration, bei Sicherheit, bei sozialen Fragen.
Was mir auffiel – so kompliziert in der Sprache, moralisch im Ton.

Und ohne, das war das Entscheidende, ohne ein einziges greifbares Bild davon, wie es besser aussehen könnte.

Ein ungleicher Kampf. Nicht weil einer klüger war. Sondern weil einer wusste, wofür er kämpft.
(Gegen die da oben, die Versager, die Dumpfbacken … und was da sonst noch alles für Begriffe flogen).
Und der andere nur noch wusste, wogegen und was er verteidigte.
(Mein alter Fußballtrainer in Wymeer hat uns eingeprügelt …. mit nur verteidigen gewinnt man kein einziges Spiel).

Zerstören, das ist das Leichteste der Welt. Kritik kostet nichts. Wut braucht kein Programm.
„Alles kaputt“ ist ein heute leider ein vollständiger Satz.
„Wie wir es besser machen“ ist jahrelange Arbeit… unbequem, angreifbar, nie fertig.

Die destruktive Kraft hat deshalb immer einen strukturellen Vorteil.
Sie muss nichts liefern. Sie muss nur zeigen, was nicht stimmt.
Und das, das stimmt ja leider oft sogar.
Die Missstände sind ja real. Die Wut ist oft berechtigt.

Nur die Schlussfolgerungen und Richtung daraus ist falsch.

Ich mache mir überhaupt keine Sorgen um die Rechten. Die sind mir so was von fremd und egal.

Ich mache mir aber große Sorgen um die anderen.
Um die, die Verantwortung tragen wollen oder zu tragen behaupten.
Die, die sagen. Wir wissen, wie eine offene, gerechte, zukünftige menschliche Gesellschaft aussieht.

Denn wenn das stimmt warum kann ich es nicht sehen?

Wo ist das Bild? Wo ist die Geschichte, die Erzählung?
Nicht die Kritik am Gegner will ich hören.
Das Bild unserer Zukunft will ich hören, sehen, spüren.
Das konkrete, greifbare, lebendige Bild davon, wie das Leben der Menschen besser wird.
Nicht in Sonntagsreden. Nicht in Wahlprogrammen, die niemand liest.
Sondern in einer Geschichte, mit Sätzen, denen die Menschen folgen, mit denen sie morgens aufstehen.

Das ist keine Kommunikationsfrage. Das ist eine Existenzfrage für die Politik.

Wer keine handhabbare Vision hat, verteidigt nur noch den Status quo.
Und die Wirkung des Status quo das spüren die Menschen täglich. Im Geldbeutel. Im Wartezimmer. Im Briefkasten.

Eine Politik ohne das Bild von morgen ist keine politische Kraft mehr. Sie ist die Verwaltung des Gestern.

Die Zumutung lautet…
Hört endlich auf, euch zu entschuldigen.
Hört auf, Tabus zu verwalten, die in der Realität längst gebrochen werden
Und fangt an zu sagen, wofür ihr steht nicht nur, wogegen.

Was meine ich mit Tabus?

Ich meine nicht das Verschieben von Grenzen.
Nicht das Infragestellen von Würde, Recht oder Anstand.

Ich meine etwas anderes.

Ich meine Themen, die im Alltag der Menschen längst Realität sind,
über die politisch aber nur vorsichtig gesprochen wird.

Bei der Migration.
Wenn Integration nicht gelingt weil unsere Werte, Normen und unsere Gesellschaft nicht akzeptiert werden.
Wenn Kommunen an ihre Grenzen kommen. Wenn Anspruch und Wirklichkeit auseinanderlaufen.

Bei der inneren Sicherheit.
Wenn Menschen sich nicht mehr geschützt fühlen. Räume anders wahrnehmen. Wenn Vertrauen in Ordnung schwindet. Wenn Probleme benannt werden müssten aber relativiert werden.

Beim Sozialstaat.
Wenn sich die Frage nach Gerechtigkeit stellt.
Nach Leistung. Nach Balance. Und viele das Gefühl haben, dass etwas kippt.

Und beim Staat selbst.
Wenn Misstrauen gegen die eigenen Bürger überall sichtbar wird.
Verfahren zu lange dauern. Wenn Verwaltung überfordert ist. Aber auch wenn Regeln nicht mehr durchgesetzt werden.

Das sind keine Randthemen für die Menschen.
Das ist Alltag.

Und genau darüber wird zu oft nicht klar gesprochen. Und diese Räume füllen dann die anderen.
Also liebe Politiker.
Zukunft definieren. Nicht nur für die Wähler.
Auch für die Politik selbst.

Denn eine Politik, die nicht mehr weiß, wohin sie will,
wird ersetzt von denen, die dies von sich nur laut genug behaupten.

Wer kämpft gewinnt. Auch wenn er falsch liegt

Das Labyrinth

Der Weg ist das Ziel — aber welcher Weg?


Es liegt in meiner Handfläche. Klein, aus Bronze, abgegriffen von Jahren.
Ein Kreis. Darin verschlungene Linien. Und im Zentrum.
Ein Kreuz.
Kein Schmuckstück mehr. Ein Gegenstand, der benutzt wurde.
Festgehalten. Gesucht. Gefunden. Immer wieder.
Ich trage es seit Jahrzehnten bei mir.
Ich weiß selbst nicht mehr genau, wann es angefangen hat.

Die meisten Menschen verwechseln ein Labyrinth mit einem Irrgarten. Das ist kein kleiner Fehler.
Im Irrgarten verlierst du dich. Falsche Abzweigungen. Sackgassen. Orientierungslosigkeit. Er ist gebaut, um dich zu verwirren.

Das Labyrinth ist anders. Es gibt nur einen Weg.

Er windet sich. Er kehrt um. Er führt dich scheinbar vom Ziel weg, manchmal direkt an ihm vorbei.
Aber er führt. Immer. Unweigerlich zur Mitte.
Kein Zufall. Keine Sackgasse. Nur der Weg.

Vielleicht ist genau das die stille Wahrheit von Ostern.
Kein Hochglanz. Kein gerader Aufstieg.
Sondern ein Weg durch Brüche, durch Zweifel, durch Dunkelheit — der sich nicht erklären lässt, während man ihn geht.

Man hält sich an etwas fest. Nicht an Gewissheiten. Sondern an etwas, das bleibt, während alles andere sich bewegt.

Ich denke an mein Leben.
An meine Kindheit in Wymeer.
An die Werft.
An Rostock.
An meine immer größer werdende Familie.

An Menschen, die ich begleitet habe, als ihr eigener Weg kaum noch sichtbar war.

Von innen sah vieles aus wie Umweg. Manches wie Scheitern. Manches wie Stillstand.
Aber es war kein Irrgarten. Es war ein Labyrinth.
Die Windungen hatten Sinn. Nicht, weil ich ihn immer gesehen hätte, sondern weil er sich gezeigt hat.
Später. Schritt für Schritt. Kehre für Kehre.

Und das Kreuz in der Mitte?
Ich erkläre es nicht. Ich trage es.
Für mich ist es kein Emblem. Es ist ein Haltepunkt.
Der Ort, an dem der Weg nicht mehr weiter muss, weil er angekommen ist.

Nicht außerhalb des Lebens. Mitten darin.

Vielleicht ist das Auferstehung.
Kein Sprung aus der Wirklichkeit, sondern das Wiederfinden der Mitte, nach all den Windungen.

Dieses kleine Stück Metall erinnert mich daran.
Nicht jeden Tag bewusst. Aber jedes Mal, wenn ich es in die Hand nehme.
Der Weg ist nicht gerade. Er ist nicht logisch. Und selten bequem.

Aber er führt.

— Wo ist deine Mitte?

Das Labyrinth

Alles Feiglinge…?

Trump: Ihr seid alle Feiglinge?!

Dazu eine kleine Parabel zu dem Maulhelden aus den USA

Es gab in einem Dorf einen Bauern dem das Land gehörte. Und das Vieh. Und die Schulden der anderen. Alle wussten wie er war und akzeptierten dennoch die Abhängigkeit.
Und sein Sohn wuchs auf in dem Wissen,- mir passiert nichts.
Als der Deich brach und alle Sandsäcke schleppten und schippten hatte er Rückenschmerzen.
Als die Ernte eingebracht werden musste und jede Hand gebraucht wurde, war er gerade verreist. Als der Krieg kam und die jungen Männer des Dorfes eingezogen wurden, kannte sein Vater den richtigen Arzt. Mit dem richtigen Attest. Über die richtigen Beschwerden.

Das Dorf wusste es. Jeder wusste es. Aber alle schwiegen.
Weil man so abhängig geworden war und nicht die Hand beißt die einen füttert. Und den eigenen Stolz herunterschluckte.

Die Jahre gingen. Der Vater starb. Der Sohn erbte das Land, das Vieh und die Gewohnheit, dass ihm nichts passiert. Er konnte alles tun, Frauen belästigen und missbrauchen, Gesetze brechen, jeden verfolgen und beschämen. Er wurde geschützt von seinen reichen Kumpanen.
Dann kam der Streit mit dem Bauer am anderen Fluss.
Der Bauernsohn wollte kämpfen. Er wollte dessen Reichtümer. Jeden Morgen stand er am Fenster und schaute hinüber.
Die Nachbardörfer sollten mitmachen. Schließlich ging es um seinen Willen, um das Recht des Stärkeren.

Aber die Nachbardörfer zögerten. Sie hatten eigene Felder. Eigene Kinder.
Eigene Erinnerungen an das was Krieg kostet wenn man mittendrin steht und nicht am Fenster.

Da trat der Bauernsohn auf den Marktplatz.
Laut. Aufsehenerregend, schreiend, beleidigend und böse. Mit der Geste eines Mannes der alles gegeben hat.
Feiglinge, rief er. Ihr seid alle Feiglinge.

Am Rand des Platzes stand ein alter Mann. Er hatte am Deich geschuftet. Er hatte die Ernte eingebracht. Er hatte einen Sohn verloren, nicht an den richtigen Arzt, sondern an den falschen Krieg.
Er hörte das Wort.
Und er sah den Mann der es rief.
Einen Schritt trat er vor. Nur einen.
Die Stimme ruhig. Fast freundlich.
Dann sagte er laut „Sag mir, wer hat dich gelehrt was Mut ist?“

Keine Anklage. Keine Ironie. Eine echte Frage.
Der Platz wurde still.
Der Bauernsohn öffnete den Mund. Und schloss ihn wieder.
Der alte Mann wartete nicht auf die Antwort. Er kannte sie.
Er drehte sich um und ging.

Und das Dorf stand da. Mit dem Wort das noch in der Luft hing.
„Feiglinge.“
Und der Frage die es aufgefressen hatte.

Alles Feiglinge…?

Diese Hand in meiner…

Es gibt diese Momente, in denen das Leben plötzlich seine Selbstverständlichkeit verliert und sich alles verschiebt.

In solchen Momenten merkt man, was trägt. Und was nicht.
Deshalb ist dieser Gedankensplitter entstanden.

Morgen feiern wir unseren 41 Hochzeitstag

Nach so vielen Jahren wird ein Mensch ein Teil des eigenen Lebens.
Nicht neben dir, in dir.
Das passiert nicht durch eine Laune oder durch einen durchdachten Entschluss.
Es passiert durch Zeit.
Durch das, was sich ablagert, ohne dass man es merkt.
Ein gemeinsames Lachen. Eine Nacht, in der einer den anderen gehalten hat.
Ein Schweigen, das kein schlechtes ist. Ein Blick. Eine Hand.
Erinnerungen setzen sich ab wie Sediment.
Schicht für Schicht.
Die Freude auf die Trauer. Die Trauer hält die Freude.
Und mit den Jahren wird daraus etwas Festes.
Ein Grund. Ein Fundament.

Ein gemeinsames Leben ist kein Archiv. Es ist ein Gewebe.
Und mit Kindern wird es lebendig.
Geschichten legen sich über Geschichten.
Die Geburt der Kinder über die erste Wohnung.
Die Feste über die Krisen. Die Reisen über den Alltag.
Und der Alltag, dieser unterschätzte, wunderbare Alltag, trägt alles.
Bild für Bild. Schritte. Aufbrüche. Abschiede.
Und irgendwann stehen sie selbst im Leben und man schaut zu. Halb stolz. Halb atemlos.

Dieses Leben ist nicht still.
Es hat Klang, Geruch, Temperatur.
Es hat Jahreszeiten die wiederkehren und nie ganz dieselben sind. Es hat Figuren die kommen — Kinder, Enkel, Freunde, Nachbarn — und Figuren die gehen.
Und mittendrin… wir zwei.
Die sich kennen wie keine anderen.
Die sich manchmal auf die Nerven gehen wie keine anderen.
Und die abends nebeneinander sitzen und spüren… Genau hier. Genau so. Genau richtig.

Dieses Gewebe des Lebens wächst. Es reißt. Und es wächst wieder zusammen.
Mit Geduld. Mit Humor. Mit Sturheit. Und mit dieser Hand in meiner Hand.

Und irgendwann, so unmerklich wie das Sediment sich ablagert, kehren sich die Rollen um. Man ist nicht mehr das Kind das gehalten wird. Man hält. Man begleitet.
Man steht dabei wenn die Eltern kleiner werden, langsamer, stiller.
Bis man eines Tages ganz vorne steht. Ohne Puffer. Ohne die Generation die noch vor einem steht.

Es gibt Entscheidungen, deren immense Tragweite man erst später versteht.
Eine Hand, die eine andere hält.
Und diese wunderbaren stillen Momente, in denen man begreift wie richtig das war.
Damals. Und seither. Immer wieder.

Einundvierzig Jahre.
Nicht weil es immer leicht war.
Sondern weil diese Hand mich nie losgelassen hat.

Und vielleicht ist genau das das größte Glück.
Wenn aus zwei Leben eines wird — und bleibt.

Diese Hand in meiner…

Wer prahlt damit die ältesten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu haben?

Ein Kollege sagte mir vor wenigen Tagen: „Paul, ich zähle die Tage.“ Er war gerade 60.
Er war einer der Besten. Er zählte nicht auf etwas hin — er zählte weg.
Weg vom Betrieb, der ihm längst signalisiert hatte.
Du gehörst nicht mehr zur Zukunft.

Das ist kein Einzelfall. Das ist System.
Sieben Millionen.
In den nächsten fünfzehn Jahren werden dem deutschen Arbeitsmarkt sieben Millionen Menschen fehlen.
Man debattiert über Teilzeit, über Frauen, über Migration.
Was man kaum bespricht: Die Menschen, die schon da sind.
Die über Sechzigjährigen.
Die Zahlen sind beeindruckend. Wenn genauso viele 60- bis 64-Jährige arbeiten würden wie die 55- bis 59-Jährigen, stünden 2,4 Millionen zusätzliche Arbeitskräfte zur Verfügung.
Nicht irgendwann. Jetzt.

Stattdessen läuft eine Zentrifuge die keiner in Frage stellt.
Leise, systematisch, fast unsichtbar.
Sie katapultiert erfahrene Menschen aus dem Arbeitsleben und alle schauen weg.

Ich habe lange gesucht nach jemandem, der einen anderen Weg zeigt. Gefunden habe ich ihn seinerzeit in Finnland.
Juhani Ilmarinen ist Arbeitsmediziner. Seit den 1970er Jahren hat er erforscht, was Menschen arbeitsfähig hält — und was sie zerstört. Daraus wurde das „Haus der Arbeitsfähigkeit“.
Ein Modell, das Gesundheit, Kompetenz und Arbeitsumgebung zusammendenkt.
Nicht als Sozialprogramm, sondern als betriebliche Logik.
Ich habe Ilmarinen mehrfach persönlich getroffen. Er schaute auf Fakten, auf Zahlen, auf Erfahrung. Und auf eine Überzeugung, die er nicht losließ. Das hat mich beeindruckt. Nicht das Konzept allein, sondern der Mensch dahinter.

Diesen klugen Weg haben einige Betriebe versucht und er scheitere so oft an Träumen…

Da ist der Traum vom jungen Unternehmen. Wer prahlt schon öffentlich damit, viele ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu haben?
Der Fokus liegt auf Jugend.
Erfahrung ist kein Markenwert, sie ist oft nur Hintergrundgeräusch.
Da ist der Traum von der individuellen großen Freiheit.
Menschen wollen im Alter nicht mehr arbeiten und sehen in der Arbeit keine Chance auf Freiheit.
Wie arm an Ideen sind wir eigentlich, wenn wir das so stehen lassen?

Und da ist der Traum vom billigen Weiter-so.
Altersgerechte Arbeit kostet.
Umgestaltung, Gesundheitsförderung, Führungskultur das sind Investitionen.
Also lieber sanfter Druck Richtung Ausgang.
Mit Abfindung. Mit Handschlag.
„Sozialverträglicher Stellenabbau“ nennt man das.
Ich kenne diese Mechanismen aus dem Betriebsrat. Damals als junger Mann habe ich für Frauen in Männerberufen geworben.
Die verwunderte Antwort der Kollegen… zu schwer. Meine Gegenfrage,- Wenn es für Frauen zu schwer ist, warum macht ihr es dann nicht leichter für alle?
Niemand hat geantwortet.

Die Frage nach längerem Arbeiten leidet heute unter Panikattacken.
Die einen fürchten um ihren Traum von großer Freiheit.
Die anderen um Wahlen. Die Betriebe um Investitionen, die sie tätigen müssten. Alle haben Angst.
Und das Ergebnis dieser kollektiven Angst heißt…
2,4 Millionen verlorene Arbeitskräfte.

Eine Rentendebatte die in Kulturkämpfe abgleitet.
Sieben Millionen fehlende Menschen.
Ein Fachkräftemangel, über den wir uns aufrichtig zu wundern scheinen.
Ilmarinen hat einen Traum verwirklicht.

Wir verwalten unsere Ausreden.
Das ist kein Schicksal. Das ist eine Entscheidung.

Wer prahlt damit die ältesten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu haben?

Ich bin ein Fossil – vielleicht fehlen die gerade?

Ich bin ein Fossil. Und genau das fehlt uns gerade.

Heute wurde ich auf meine Rente angesprochen. Mit dem Zusatz,- Sei froh.

Der Kollege wusste auf den Tag genau, wie lange er noch arbeitet. Countdown läuft. Ziel: Abstand. So schnell wie möglich.
Ich habe geschwiegen. Und gedacht.

Was macht das mit uns, wenn das Berufsleben zum Restposten wird?
Wenn Erfahrung nicht mehr als Kapital gilt, sondern als Altlast?

Wenn der Gedanke an Führung, an Verantwortung, an Zukunft gestalten irgendwann kippt in,-
Hauptsache, ich komm da raus?

Ich bin ein Fossil. Das stimmt.
Ich komme aus einer Zeit ohne tagtägliche Dashboards, ohne Feeds, ohne Echtzeit-KPIs.
Aus einer Zeit, in der ein Wort Folgen hatte.

In der Vertrauen nicht mit Umfragen gemessen, sondern verdient wurde.
In der Führung bedeutete.
Du gehst voran. Nicht Du fällst auf und bist jederzeit sichtbar.

Aber ich schwärme nicht in Nostalgie.

Die Vergangenheit war nicht besser. Sie war anders.
Manches war gut. Manches war falsch. Manches war schlicht die einzige Möglichkeit, die man hatte.

Was mich umtreibt, ist etwas anderes.

Die Trosse.

Zwischen einem Schiff und dem Kai hängt und hält eine Trosse.
Nicht elegant. Nicht modern. Einfach stark.
Sie hält das Schiff, damit es nicht von Strömung und Wind dahin getrieben wird, wo gerade alle hintreiben.

Führung heute braucht diese Trosse.

Eine Verbindung zwischen dem, was war, und dem, was kommt.

Keine Unterwerfung unter die Vergangenheit. Kein Abriss um des Abrisses willen.

„Das haben wir immer so gemacht“ — ja, das ist großer Quatsch.
Wer so denkt, führt nicht. Der verwaltet Gewohnheiten.

Aber das Gegenteil ist genauso falsch:
Alles lächerlich zu machen, was früher funktioniert hat.
Zerstörung um der Zerstörung willen.

Das ist kein Mut. Das ist Bequemlichkeit mit modernem Anstrich.

Die Kunst liegt dazwischen. Und die ist schwer.
Weil sie Urteilsvermögen verlangt und Algorithmen das nicht ersetzen.

Weil sie Haltung, Mut und Nachdenklichkeit, manchmal Demut verlangt nicht Methoden.

Was Führung heute tun muss, ist im Grunde einfach und genau deshalb so schwer:

Wer zuhört, führt.
Vertrauen entsteht nicht schneller, weil der Feed schneller wird.

Wer Führung spielt, verliert die Menschen. Sichtbarkeit ohne Substanz wird irgendwann durchschaut.
Wer nur noch reagiert und kontrolliert, hat aufgehört zu führen. Er verwaltet und zwar mit Vollgas.

Neue Werkzeuge? Ja, unbedingt.
Alte Werte? Ja, genauso.

Das ist kein Widerspruch. Das ist die Aufgabe.

Tempo ist kein Maßstab für Güte.
Erfahrung ist kein Ballast. Sie ist das Einzige, was bleibt, wenn die Modelle versagen und moderne Hypes wieder einmal in der Mülltonne landen.

Zurück zum Kollegen.

Ich gönne ihm seinen Countdown. Wirklich.
Verantwortung für mich nicht endet, wenn ein Datum kommt.
Vielleicht beginnt sie da erst richtig.

Die Welt dreht sich schneller.
Menschen tun es nicht.
Das ist kein Befund.

Das ist der Ausgangspunkt.

Ich bin ein Fossil – vielleicht fehlen die gerade?

„Plattdeutsch versteht jeder auf der Welt“

Es war eine dieser Baustellen, die von Anfang an mehr Energie versprühen als Kontrolle. Das Reparaturschiff lag an der Alten Werft. Die Duchesse Ann, wenn mich die Erinnerung nicht trügt — und sollte zum Viehtransporter werden.

Klingt unspektakulär. War es nicht.

Denn zuerst musste weg, was drauf war. Wir brannten ab, demontierten, schafften fort. Die Stimmung war gut, der Fortschritt sichtbar.

Dann… Stop. Sofort. Alles stehen lassen.

Der erste Krängungsversuch war daneben gegangen. Die Daten stimmten nicht.

Wer nicht auf einer Werft groß geworden ist: Bei einem Krängungsversuch lässt man ein Schiff absichtlich auf die Seite kippen, kontrolliert, mit Gewichten, die von Deck zu Deck wandern. So ermittelt man den Stabilitätsschwerpunkt. Klingt nach Theorie. Ist bitterer Ernst.

Die Stabilität ist elementar. Ein Schiff, das kippt weil man vorher nicht gerechnet hat, kippt nicht zurück.
Und für diesen Versuch brauchten wir ein ausgewogenes Schiff.
Steuerbord? Anker draußen. Backbord? Noch drin.
Also ran. Einer musste das Ankerspill bedienen, damit der Anker ablaufen konnte.

Einer.
Der Franzose.

Er war das einzige Besatzungsmitglied dass noch an Bord war.
Kein Deutsch. Kein Englisch. Nur Französisch und ein Gesicht, das sagte…
Ich verstehe euch sehr gut. Ich mache nur nicht mit.

Wir versuchten es mit Händen. Mit Zeigen. Mit internationalem Zeichenvokabular, Arme die Ankerketten imitieren, Finger nach unten, Blicke, die flehen.

Nichts.

Dann schwere Schritte hinter uns.

Unser alter Schiffbaukollege. Ein Altgeselle. Eine Legende auf der Werft. Einerseits war er einer besten Kollegen die man haben konnte hatte aber auch eine Stimmgewalt, die Stahl biegen konnte.

Er sah die Situation. Er sah den Franzosen. Zwei Sekunden. Mehr brauchte er nicht.

Und dann brüllte er, auf Platt, aus voller Lunge:

„Düvel satan Blixen, lot de Anker ondall, du blöde Franzmann, anners drei ik die de Hals um!“

Was ungefähr bedeutet: Lass den Anker runter — aber auf Platt klingt es überzeugender.

Der Franzose starrte ihn an. Dieses brüllende Ungeheuer mit den roten Wangen unter dem gelben Helm und den zusammengekniffenen Augen wie Scheinwerfer.

Eine Sekunde. Zwei.

Dann drehte er sich um. Betätigte den Anker. Ließ ihn auf den im Wasser treibenden Ponton fallen.
Sauber. Ruhig. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Der alte Haudegen sah es. Drehte sich um. Grinste. Dieses Grinsen, das sagt,- Hab ich mir gedacht.
Und sagte dann — für uns alle hörbar:

„Sag ich ja. Plattdeutsch versteht jeder auf der Welt.“

Ich habe seither viel mit Kommunikation zu tun gehabt und nachgedacht.
Über Sprache, Ton, Körperhaltung.
Darüber, was einen Menschen wirklich erreicht.

Meine persönliche Feldstudie zu dem damaligen Erlebnis sagt bis heute…
Es war, glaube ich, nicht das Plattdeutsch.

Aber widerlegen kann ich es auch nicht.

„Plattdeutsch versteht jeder auf der Welt“