77 Prozent. Und was wir daraus machen könnten.
Die Zahlen liegen auf dem Tisch. Gallup hat sie gerade veröffentlicht.
77 Prozent der Beschäftigten in Deutschland haben eine schwache emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber.
Sie kommen zur Arbeit. Sie tun was nötig ist. Sie gehen.
13 Prozent haben innerlich bereits vollständig gekündigt. Nur 10 Prozent (!!) einer von zehn, gehen morgens mit echter Bindung zur Arbeit.
Der volkswirtschaftliche Schaden. Mindestens 119 Milliarden Euro jährlich.
Ich lese diese Zahlen nicht als Statistik. Ich lese sie als menschliche Aussage und kann die Bedeutung fühlen.
77 Prozent Menschen die gelernt haben dass es sich nicht lohnt mehr zu geben als verlangt wird. Das ist keine Faulheit. Das ist eine Antwort. Eine rationale, bittere, vollkommen verständliche Antwort auf etwas das ihnen passiert ist.
Die Frage ist. Was?
Wie konnte das passieren?
Führung wurde zur Verwaltung.
Irgendwann in den letzten Jahrzehnten hat sich etwas verschoben. Führungskräfte begannen Kennzahlen zu managen statt Menschen zu führen. KPIs ersetzten Gespräche. Dashboards ersetzten Vertrauen. Quartalsberichte ersetzten Vision.
Restrukturierung folgte auf Restrukturierung. Versprechen wurden gemacht und gebrochen.
Nicht aus Bosheit sondern aus Gleichgültigkeit. Mitarbeiter erfuhren Veränderungen nicht im Gespräch sondern in Präsentationen. Nicht als Partner sondern als Betroffene.
Und dann kam die Entkopplung vom Sinn.
Was produzieren wir eigentlich? Wofür stehen wir? Was bleibt wenn die Quartalszahlen stimmen aber niemand mehr weiß warum er morgens aufsteht?
Gallup sagt es klar… Nur 21 Prozent der Beschäftigten vertrauen ihrer Führungskraft uneingeschränkt. Vor vier Jahren waren es noch 41 Prozent. Das ist kein schleichender Trend. Das ist ein Einbruch. Ein Vertrauenszusammenbruch in einem Ausmaß das uns angesichts unserer Herausforderungen eigentlich den Atem verschlagen müsste.
Was ich auf der Werft gelernt habe.
In den fast fünf Jahrzehnten die ich auf der Werft gearbeitet habe, erlebte ich oftmals etwas, das mich bis heute nicht loslässt.
Wenn auf einem Schiff z.B ein Brand ausbrach und alle Termine Makulatur zu werden drohten, wenn es schwerwiegende technische Probleme gab, ein Ablieferungstermin in Gefahr geriet, wenn die Krise kam, dann passierte etwas bemerkenswertes.
Etwas das im Organigramm nicht vorgesehen war.
Die Hierarchien, die Kommandostrukturen lösten sich auf.
Der Schweißer redete direkt mit dem Projektleiter. Der Meister übernahm Verantwortung die drei Ebenen über ihm angesiedelt war. Das allgegenwärtige starren auf Vorgaben und Vorschriften war nicht mehr allein bestimmend.
Niemand fragte nach Zuständigkeit. Alle fragten. Was braucht ihr? Was kann ich tun?
Menschen die sonst nebeneinander her arbeiteten wurden plötzlich zu einem Organismus. Die titanische Kraft dieser Werft, – sie zeigte sich nicht unbedingt in den ruhigen Zeiten. Sie zeigte sich wenn es brannte. Wortwörtlich und im übertragenen Sinne.
Und dann, sobald die Krise vorbei war, kehrten dieselben Menschen zurück in ihre Schubladen. Die Strukturen regenerierten sich. Schneller als die Erkenntnis was gerade möglich gewesen war.
Das hat mich immer fassungslos gemacht.
Nicht die Krise. Sondern die Rückkehr zur Normalität danach. Als wäre nichts gewesen. Als hätte niemand gesehen was Menschen leisten können wenn man ihnen vertraut, wenn gemeinsamer Zweck wichtiger ist als Dienstweg. Ich weiß das viele Koleginnen und Kollegen die in den Betrieben verwurzelt sind dasselbe beobachten können.
Wunder sind nicht kalkulierbar. Deshalb sind sie unerwünscht.
Weil sie beweisen dass die Normalstruktur suboptimal ist. Weil sie zeigen dass Kontrolle als Führungsprinzip versagt wo Vertrauen Berge versetzt. Weil sie Führungskräfte in Frage stellen die sich über Hierarchie definieren statt über Wirkung.
Also werden diese außerordentlichen Leistungen bewundert. Und vergessen.
Die Vision.
Ich bin kein Romantiker.
Und ich habe schon seit Jahren keine Geduld für Motivationsplakate oder übliches Coaching.
Aber ich glaube an etwas das ich mit eigenen Augen gesehen habe.
Menschen wollen mehr geben als sie dürfen.
Das ist die eigentliche Botschaft hinter den Gallup-Zahlen. Nicht Faulheit, sondern eingelernte Resignation. Nicht Desinteresse sondern enttäuschtes Engagement das irgendwann aufgehört hat zu klopfen weil niemand die Tür geöffnet hat.
Die Frage ist nicht wie man Mitarbeiter motiviert. Motivation ist schon da, sie wird nur in unseren heutigen Strukturen systematisch zerstört.
Die Frage ist… Was müssen wir aufhören zu tun?
Wir müssen aufhören Führung mit Kontrolle zu verwechseln.
Aufhören Vertrauen als Risiko zu behandeln statt als Kapital.
Aufhören Menschen in Strukturen zu pressen die ihnen signalisieren, dass ihre Arbeitskraft aber nicht ihre Meinung gefragt ist.
Aufhören Erfahrung und Innovation als Gegensatz zu sehen.
Aufhören den Einsatz der Menschen als nicht relevant anzusehen.
Was stattdessen?
Führung die wieder Beziehung wagt. Die fragt bevor sie anordnet. Die Fehler eingesteht weil sie weiß dass Glaubwürdigkeit mehr wert ist als Unfehlbarkeit. Die den Menschen sieht, nicht die Ressource. Die nicht auf die nächste Krise wartet um das Beste aus Menschen herauszuholen, sondern die Bedingungen der Krise als Normalzustand gestaltet.
Vertrauen. Klarheit. Gemeinsamer Zweck.
Aufgelöste Hierarchie wo sie hindert.
Das ist keine Utopie. Das habe ich erlebt.
In einer Werft in Papenburg wenn es darauf ankam.
Es hat funktioniert.
Es kann wieder funktionieren. Aber nur wenn Führung aufhört sich selbst wichtiger zu nehmen als die Menschen die sie führt.
119 Milliarden Euro jährlich.
Das ist der Preis den wir zahlen für Führung die Menschen klein hält.
Die Rechnung ist eindeutig.



